Sonntag, 13. Februar 2011

Aus aktuellem Anlass: Ich bastel mir ein Event-Movie

Ja, ja... unsere Privatsender und ihre Super-Duper-Mega-Event-Event-Mega-Blockbuster-Super-Event-Movies in einer Deutschlandweiten Weltpremiere... es geht natürlich um die Hindenburg - mit Reiner Calmund in der Rolle der Hindenburg und Veronica Ferres als Ankermast. Ihr merkt schon: Das ist jetzt alles andere als eine ernstgemeinte Rezension, sondern vielmehr ein satirischer Kommentar, dessen Komik durchaus beabsichtigt ist, was man von "Hindenburg" nicht behaupten kann, denn der Film besaß doch mehr unfreiwillige Komik.
Ich kann mir das so richtig vorstellen, wie die Programmplaner von RTL da zusammengesessen haben und sich dachten:
"Wir müssten sowas wie 'Titanic' machen, aber halt in der Luft."
Irgendeiner schrie dann noch:
"Und was mit Nazis, denn ein deutscher Historienfilm braucht seine Nazis." - "Vielleicht sollte auch was explodieren... ?"

"Titanic" in der Luft, Nazis und eine Explosion? Das sind ja gleich drei Dinge aufeinmal.

Also, musste ein großes, graues Überraschungsei her: Die Hindenburg. Tja, und da RTL es von DSDS und Suppentalent gewohnt ist, das Highlight schon ganz zu Anfang anzuteasen und erst am Ende der nächsten Ausgabe zu bringen, beginnt der Film auch mit dem brennenden Zeppelin. Das ist auch sinnvoll, weil der durchschnittliche RTL-Zuschauer von dem Luftschiff und dessen Abgesang vermutlich noch nie was gehört hat und er sich dem Rest des Publikums nicht unterlegen fühlen soll. Ganz abgesehen davon ist der Trend mit den Rückblenden sieben Jahre nach der ersten Lost-Folge nun endlich auch im deutschen Fernsehen angekommen. Wir machen daher einen Sprung zurück in die Exposition, in der uns die Charaktere vorgestellt werden, ehe man geschlagene zweieinhalb Stunden hektisch durch dieses aufgeblasene Stahlungetüm hetzt. Also, was sind nun die Zutaten für die völlig (Achtung! Ganz schlimmes Wortspiel) aus der Luft gegriffene (sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt) Handlung , die man um diese Luftfahrtkatastrophe spinnt?
Klar, wer "Titanic" in der Luft machen will, braucht erstmal einen Typ aus der Unterschicht und eine Frau aus der Oberschicht, die schon anderwärtig versprochen ist, als Liebespaar. Um Schauspieler zu sparen, ist der Knilch, Merten (geiler Name.. warum nicht gleich Kevin oder Torben?), gleichzeitig der Konstrukteur von der fliegenden Riesenzigarre und sie, Jennifer, die Tochter eines amerikanischen Großunternehmers, der den Zeppelin-Heinis gerne Helium verkaufen würde, wenn da nicht dieses böse Embargo wäre, das ihn im übrigen auch daran hindert Göring sein schönes Tetraethylblei zu verkaufen.
Nun trägt diese mit einer ganz zufälligen Begegnung (er stürzt bei seinem ersten Flugversuch mit einem kleinen Gleitflugzeug in genau dem Tümpel ab, an dem sie gerade rumsitzt) eingeleitete Leibesgeschichte nicht für drei Stunden Event-Movie, also benötigen wir noch etwas, das ordentlich Zündstoff bietet...
"Wie wäre es mit...öhm... einer Bombe? Das Ding fliegt so oder so in die Luft, da kann man auch noch was mit einer Bombe an Bord einbauen."
Soweit so gut, das reicht für die Rahmenhandlung. Kommen wir nun zum weiteren Ensemble. Wir brauchen:
- Juden
- einen Schwulen oder zumindest einen, der einer sein könnte
- ein Tier, am besten einen Hund
- einen Zyniker, der alle an Bord durchschaut
- Kinder (ein Junge, ein Mädchen)
- Nazis
- geldgierige, schmierige Geschäftsleute, die hinter dem Komplott mit der Bombe stecken
- deren Helfer
- eine zebrochene Männerfreundschaft
"Kein Problem: Wir nehmen eine jüdische Familie und einen zynischen Transvestiten mit 'nem deutschen Schäferhund. Hat Hannes Janicke Zeit?" - "Ich glaube nicht, dass der einen Schäferhund spielen will." - "Ja, aber die Transe!"
Genau: Wir stecken Jaenicke in einen weißen Designeranzug, verpassen ihm Augen wie Richard Alpert und lassen ihn am Zoll bei der Kofferkontrolle sagen, dass er die Perücke und das Abendkleid für seine "Show" braucht. Es kommt noch besser: Zu der Show gehört natürlich auch der Hund! Und weil Kinder Hunde mögen, kommt die Transe vor der Abreise mit dem Mädchen aus der jüdischen Familie ins Gespräch, von der man natürlich trotz den bedeutungsschwangeren Blicken, dem Getuschel und der Angst in der Nähe von Wehrmachtsoffizieren, zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen kann, dass sie jüdisch ist. Die Kinder wissen es sogar selbst nicht, weshalb der Junge während der gesamten Fahrt auch die Nazis mit seiner Frage "Wären Sie lieber ein Zeppelin oder eine Messerschidt?" nervt. Der Hund muss in der Szene mit dem Mädchen natürlich noch irgendwas machen....
"Wie wäre es mit einem Hitlergruß?" - "Das ist super! Die Transe sagt dem Mädchen, es soll Zeige- und Mittelfinger zwischen Oberlippe und Nase legen, woraufhin der Köter das Pfötchen hebt. Das find ich toll! Das find ich toll! Das find ich toll!"
Da hat man auch gleich wieder ein bissel was mit Nazis drin, womit wir schon beim nächsten Stereotyp wären.
"Wir brauchen böse Nazis und ganz böse Nazis.... okay, Kretschmann war schon früher nicht für Nebenrollen in TV-Produktionen zu haben und den Waltz können wir uns seit seinem Oscar auch nicht mehr leisten...mmmmh... ." - "Udo Waltz hat einen Oscar?"
Wir nehmen mal Wotan Wilke Möhring (allein schon wegen diesem nordischen Vornamen) und stecken den in eine Luftwaffenuniform - da haben wir schonmal einen nicht ganz so bösen Nazi, der sich in die Jüdin verknallen könnte.
"Wer spielt die eigentlich?" - "Christiane Paul." - "Ist die nicht in New York Kuratorin? Steht bei Wikipedia."
Wenn sie ihn dann zurückweist, droht er die raffgierigen Juden (ach, wie schön, dass es Klischees gibt, die auch fast 70 Jahre nach Hitler noch funktionieren) zu verraten, wenn sie ihm nicht das ganze Geld, mit dem sie fliehen wollten, überlassen. Das Hängen an materiellen Gütern kostet am Ende sowohl den Offizier als auch den Jungen aus der jüdischen Familie sowie dessen Vater das Leben.
Aber wir brauchen auch böse Nazis in so schicken schwarzen SS-Uniformen. Apropos: Wo immer auf dem Bildschirm noch eine freie Stelle ist, muss ein Hakenkreuz hängen. Mal ehrlich, liebes RTL, so deplazierte Hakenkreuze sind sonst meist aufgesprüht. Eine feudale Einfahrt wird gezeigt und da hängt da einmal über den kompletten rechten Bildrand eine Hakenkreuzflagge. Keiner weiß, was die da soll, aber der Zuschauer schnallt sonst wohl nicht, dass wir uns im Dritten Reich befinden, oder was? Zum Gück moniert sich zumindest Heiner Lauterbach in einer seiner vier Szenen (solche "Hauptrollen" spielt sonst nur Christopher Lee) kurz über die Hakenkreuze an seiner schönen Hindenburg.
Ach, die SS ist natürlich Teil der Verschwörung von Göring und Van Zandt (so heißt der dicke, amerikanische Großunternehmer) und nennt sich je nachdem, was die Handlung gerade erfordert, auch schon mal Gestapo... merkt ja keiner. Und kommt mir jetzt nicht mit: Die SS-Offiziere, waren auch Offiziere der Gestapo - die wechseln ihre Funktion in dem Film so wild durcheinander, dass selbst der Führer nicht mehr durchgeblickt hätte.
Jetzt müssen wir nur noch einen blöden Vorwand finden, warum die Frau von Van Zandt, der zusammen mit ihr für die Bombenstimmung an Bord sorgen will, und ihre Tochter trotzdem mit der Hindenburg fliegen...
"Wie wäre es mit einem Schlaganfall? Herzinfarkt? Irgend sowas..."
Tolle Idee! Okay, dann alle Mann an Bord... ach, Moment! Der Dicke lässt seine Frau und Tochter doch nicht einfach so mitfliegen. Schnell Heiner Lauterbach angerufen, der dann dem Merten sagt, dass er die beiden davon abhalten soll, an Bord zu gehen. Nun quatscht Merten auf dem Klo mit seinem Nebenbuhler um Jennys Gunst, der blöderweise auch der Bombenleger ist. Kleine Randnotiz dazu: Ich fühlte mich sehr an "Fahrenheit 9/11" erinnert, als Jenny von der Flugsicherheit wegen der Gefahr des Funkenflugs ihr Feuerzeug abgenommen wird, der Typ aber die komplette Zigarrenkiste mitschleppen darf, in der im Übrigen das Dynamit für die Bombe versteckt ist. Später sehen wir Christiane Paul sogar an Bord in ihrem Zimmer eine Zigarette rauchen - nicht einmal im Raucherraum, wo die Zigarren im Humidor gelagert werden, sondern in ihrer Suite.
Zumindest fängt der Bombenleger eine Schlägerei an, bei der Merten ihn mit einer Fliese ersticht und dann vom Sterbenden von der Bombe erfährt, die natürlich trotzdem von irgendeinem Komparsen zusammengebaut wird... ist so eine Art Bombenbausatz von IKEA oder so. Merten brüllt die Leiche dann noch geschätzte 20 Mal an, wo denn die Bombe sei, während Hannes Jaenicke völlig unbemerkt in der einzigen von der Schlägerei verschonten Toilettenkabine rumsteht und alles beobachtet.
Als Merten blutend aus dem Klo taumelt, gerät er mit seiner trotz des in Schutt und Asche liegenden WCs völlig wahnwitzigen Notwehrstory ausgerechnet an einen in SS-Uniform rumlaufenden Gestapo-Offizier, der von der Bombe weiß. Jetzt muss Merten fliehen und wohin flieht man vor der SStapo in so einer Situation?
Klar: Auf die Hindenburg, weil die da ja keine Funkgeräte haben, mit denen man denen an Bord melden könnte, das ein gesuchter Mörder mitfliegt. Ach, die haben doch Funkgeräte? Ja, das ist dann natürlich dumm gelaufen... .
Jetzt kommt übrigens noch das mit der zerütteten Männerfreundschaft ins Spiel, denn am Boden und an Bord kloppt sich Ulrich Noethen als zum PR-Heini beförderter Luftschifffahrtspionier Kapitän Ernst A. Lehmann mit seinem Kollegen Max Pruss, dem Kapitän der Hindenburg. Kompetenzgerangel wie sonst nur zwischen Polizei und FBI in schlechtgeschriebenen US-Thrillern. An Lehmann zeigt sich aber sehr schön, dass RTL es mit der Historie selbst da, wo es irrelevant für die fiktive Handlung ist, nicht so genau nimmt: der echte Ernst Lehmann war als Beobachter an Bord und erlag seinen Verletzungen einen Tag nach dem Unglück im Krankenhaus. Im Film ist er an Bord, um dafür zu sorgen, dass die beiden Van Zandts vollauf zufrieden sind. Ferner setzt er Pruss immer wieder unter Druck, er solle schneller fliegen, wodurch er das Unglück letztlich mitverschuldet, wohingegen der historische Lehmann noch kurz vor seinem Tod sein Unverständniss bezüglich der Katastrophe äußerte. Im Film stirbt Lehmann bereits an Ort und Stelle: Er schafft es aus der Hindenburg, torkelt neben Pruss durch die Gegend, murmelt noch etwas von "der Junge" und kracht mit Lochfraßbrandwunden am ganzen Rücken nach vorne um wie ein gefällter Baum.
Also, wo waren wir? Ach, ja: Merten hat sich an Bord versteckt und konnte nicht verhindern, dass seine Jenny ebenfalls an Bord geht. Hannes Jaenicke, der seinen Hund schweren Herzens in den Frachtraum sperren lassen musste, lässt derweil in Harvey-Dent-Manier das Schicksal entscheiden: die Münze fällt gegen Hitler und für Hindenburg... es geht also aus wie bei der Wahl 1932.
Nun sind aber alle Passagiere (einer davon blind und einer eine Hündin) und Besatzungsmitglieder endlich an Bord und die Hindenburg fährt los. Im Übrigen bekommen wir von den 97 Personen an Bord (Merten nicht mitgezählt, denn der dürfte als fiktiver, blinder Passagier kaum in der historischen Statistik auftauchen) merkt man im Film jetzt nicht so wirklich was... selbst mit allen Statisten laufen da bestenfalls 30 Gestalten rum. Im großen Aufenthaltsraum scheinen sich prinzipiell nur Personen mit Sprechrollen und ein Tisch mit Statisten aufhalten zu dürfen.
Was dann während der Reise passiert, ist schnell erklärt: es wird gelaufen, gerannt, gequasselt, geprügelt, geklettert, spioniert und intrigiert was das Zeug hält. Hannes Jaenicke bzw. seine Figur Gilles Broca (der Name toppt sogar Merten Kröger) stellt einmal in einer netten Ansprache alle voreinander bloß und quatscht mit seiner hellseherischen Gabe, mit der er bei "The Next Uri Geller" selbst den angemalten Gockel von Vincent Raven ausgestochen hätte, sämtliche Geheimnisse aus - ein tuntiger, zynischer Deus Ex Machina irgendwo mitten im Film... Warum lassen die nicht gleich Christian Shephard aufmarschieren? Der konnte auch so gut mit Hunden... apropos: Wir sehen den Hund im Verlauf des Films noch dreimal:
Einmal im Frachtraum, in dem sich Hannes/Gilles rumtreibt, nachdem er ein junges Besatzungmitglied so lange bequatscht hat, bis er zu seiner schauspielerisch begabten Töle durfte. Dann rennt das Vieh nach dem Unglück völlig verrust zwischen den Krankenliegen rum - wie der Hund es geschafft hat aus seinem Käfig zu kommen und dann die Frachtraumtür zu öffnen, um rechtzeitig den brennenden Zeppelin zu verlassen, erfahren wir nicht. Aber egal wie der Stunt aussah: Da wäre selbst Kommisar Rex neidisch geworden. Und kurz vor Schluss kommt eine gänzlich zusammenhangslose Szene mit Jaenicke und dem Hund in der Maske irgendeines Theaters.
Zwischendurch werden dann noch ein paar Nebenhandlungsstränge aufgeworfen und nie zuende geführt:
Wir erfahren zum Beispiel nie, warum ein Besatzungsmitglied geheime Angriffspläne von Göring dabei hatte. Wir wissen nur, dass der Typ sie hat, Merten überlässt und der sie später gegen Jennys Leben eintauscht, denn die wird von den Ami-Nazis als Druckmittel gegen Merten und Van Zandt festgehalten... man hätte auch nach dem Absturz Schluss machen können, aber es waren halt noch 30 Minuten über, die man nicht auch noch mit Werbung füllen konnte, was aber vielleicht besser gewesen wäre. Zumindest gibt es später noch einen recht wirschen Epilog.
Dann wäre da noch ein Red Hering mit irgendwelchen Nüsschen. Jaenicke gibt dem jüdischen Mädchen seine Glückmünze. Die beiden Kapitäne haben sich von Jetzt auf Gleich plötzlich wieder lieb... und so weiter.
Die Bombe wird im Übrigen noch rechtzeitig von Merten entschärft, was ihm aber nicht viel nützt, weil das Luftschiff ja eh' in die Luft fliegt - an dieser Stelle dann Willkommen zurück in der Wortspiel-Hölle^^
Ja, der Brand schlägt dann am Ende wirklich alles. Merten ist natürlich am nächsten an der Stelle, wo der Brand ausbricht, schafft es aber als erster unversehrt von Bord, während sein Freund und Begleiter, die Flammen kommen sieht, sie anguckt, zu Merten guckt und dann restlos von den Flammen verschluckt wird, die danach zielsicher wie das Rauchmonster aus "Lost" auf Merten losgehen. Überhaupt: Außer Merten haut keiner, der die Flammen kommen sieht, ab. Die bleiben alle stehen und gucken in der Gegend rum, um dann einen möglichst theatralischen Tod zu sterben.
Apropos theatralischer Tod: Im Epilog erschießt Van Zandt erst den bösen Botschaftstypen, der Jenny entführt hat, und dann sich selbst. Man hört die Schüsse, alle gucken, Jenny schreit, Schnitt auf die Leichen.
Ihr merkt schon: Verworren und dennoch handlungsarm, weshalb ich als bekennender Cameron-Hasser fast dazu geneigt bin zu sagen: RTL hat sein Ziel, "Titanic" der Lüfte zu machen, eigentlich erreicht, aber das wäre dann doch etwas übertrieben, denn... so schlecht war der Film jetzt auch nicht. Da würde man "Hindenburg" wirklich Unrecht tun, wenn man ihn auf eine Stufe mit diesem auf Hochglanz polierten, cineastischen Sondermüll stellt ;-) Ach, wie ich mich jetzt schon auf die Hass-Mails freue^^.
Okay, jetzt wisst ihr alles über die Handlung, was sich zu wissen lohnt. Noch ein paar Worte zur Umsetzung:
Der Soundtrack ist... sagen wir mal suboptimal. Gerade in der ersten halben Stunde musste ich oft an "Der Tag des Falken" denken, nur mit dem Unterschied, dass man bei "Hindenburg" mit dieser Filmmusik aus der Hölle längst nicht so viel kaputt machen konnte wie man es einst bei diesem Klassiker getan hat, auch wenn der Falke in Wahrheit ein Bussard war.
Bei den Schauspielern muss ich gestehen: Auch wenn ich nicht verstehe, wie die sich dafür hergeben konnten, Hannes Jaenicke, Christiane Paul, Ulrich Noethen, Hinnerk Schönemann, Jürgen Schornagel und Wotan Wilke Möhring holen aus den recht platten Figuren raus, was möglich war. Lauren Lee Smith schafft es als weiblichen Hauptrolle auch ganz gut die Zerissenheit ihrer Figur glaubhaft darzustellen. Was den männlichen Hauptdarsteller Maximilian Simonischek angeht... Hatte Lothar Matthäus keine Zeit?
Kamera, Regie und Schnitt laufen nach dem etwas holprigen Anfang wirklich zu Form auf. Also, was die filmtechnischen Aspekte angeht ist der Film mehr als solide. Gerade die Großaufnahmen der Hindenburg, wenn die aus dem Hangar fährt, sind toll geworden. Im krassen Gegensatz zu diesen Großaufnahmen kann man durch die schmalen, langen Gangfluchten aber auch die fast klaustrophobische Enge des Passagierbereichs gut nachempfinden. Das Rumgekletter in den Mannschaftsbereichen und der Brand sind bis auf die erwähnten Todesszenen oder eigentlich gerade deswegen Hollywood-reif.
All das kann über das aufgeplusterte, aber letztlich sehr dünne Drehbuch nicht hinwegtäuschen. Wobei ich mit dem Drehbuchautor auch nicht hätte tauschen wollen, wenn RTL einen dreistündigen Event-Kracher um dieses tragische Ereignis gebastelt haben will. Der Film ist letztlich wie die Hindenburg selbst: dürres Gerippe mit viel heißer Luft (und ja, ich weiß, aber mit Wasserstoff funktioniert das Wortspiel nicht). Weniger wäre hier wahrlich mehr gewesen. Hätte RTL sich auf einen Teil beschränken können, hätte es dem Film mehr als gut getan.
Macht's beim nächsten Event-Film wie die Kollegen von Sat.1: Romanverfilmungen sind optimal für so Event-Mehrteiler - das wissen wir spätestens seit dem Seewolf ;-)

Samstag, 29. Januar 2011

We used to be friends a long time ago... - Kult-Serien I: Veronica Mars

ich weiß, die meisten hätten wohl eher "Lost" erwartet, aber zu "Lost" habe ich schon einen ganzen Blog gemacht und meinen Senf dazu abgegeben und deshalb ist jetzt zeit für meine drittliebste Serie und meine liebste von denen, die zu früh abgesetzt wurden. Zudem ist "Veronica Mars" noch immer mehr ein Geheimtipp, also...

Ausgangssituation:

Lilly Kane, die Tochter des Software-Magnaten Jake Kane, wurde ermordet neben dem Pool ihrer Familie aufgefunden. Sheriff Keith Mars verdächtig Lillys Vater und somit den angesehensten und mächtigsten Mann von Neptune, Kalifornien. Die Oberschicht Neptunes verdankt ihren Reichtum zu einem Großteil Jake Kane – durch die Entwicklung und Optimierung des Video-Streamings machte Kanes Firma vor einigen Jahren Milliardengewinne und jeder Mitarbeiter der Firma wurde so über Nacht zu Millionär. Neptune wurde wegen ihm zu einer „Stadt ohne Mittelstand“: auf der einen Seite Millionärsfamilien (da diese im Nobelviertel mit der Postleitzahl 90909 wohnen, oft auch als Null-Neuner bezeichnet) und auf der anderen Seite die, die für sie arbeiten und am Existenzminimum leben. Dass Keith Mars Kane verdächtigt hat für ihn und seine Familie schwere Folgen: er verliert seinen Job, seine Tochter Veronica wird in der Schule fortan von allen gemieden, Keiths Frau Lianne verfällt dem Alkohol und verlässt ihn. Zu allem Überfluss präsentiert der neue Sheriff Don Lamb kurz nach Keiths Entlassung Lillys Mörder: Abel Koontz.



Stil der Serie:

Auf den ersten Blick wirkt „Veronica Mars“ eher wie eine Teenie-Serie, was vor allem daran liegt, dass der Sender (insbesondere in den frühen Folgen) ein junges Publikum für die Serie gewinnen wollte. Der Stil des Intros und das Highschool-Setting mögen den Schluss nahe legen, dass die Serie in diesem Milieu verbleibt. Doch das tut sie keineswegs. Wie für den Film Noir typisch sind die Charaktere sehr ambivalent und ein tiefschwarzer Humor zieht sich durch die ganze Story. Die fiktive Stadt Neptune, in der die Serie spielt, schafft den optimalen Nährboden für eine gesellschaftskritische Krimiserie mit vielen satirischen, aber auch tragischen Aspekten. Besonders der Kapitalismus und der „American Dream“ bekommen regelmäßig ihr Fett weg. Die Oberschicht Neptunes wird bis auf wenige Ausnahmen als intrigant, manipulativ, berechnend und herablassend gezeichnet. Die Highschool dient da schon fast als Metapher, da hier das soziale Gefälle besonders deutlich wird und der Schulalltag nun einmal seinen ganz eigenen Gesetzen und Regeln folgt. Anders als bei anderen Krimiserien, insbesondere denen, die auch ein jüngeres Publikum ansprechen sollen, wirkt die Handlung fast immer sehr glaubhaft und wenig konstruiert – Veronicas Fälle sind nie wirklich große Verbrechen und dennoch versteht die Serie es Spannung aufzubauen, ohne auf aus der Luft gegriffene Wendungen zurückzugreifen. Die größeren Fälle werden für gewöhnlich von Keith übernommen, doch auch hier handelt es sich selten um richtige Verbrechen. Jede Staffel hat aber einen (bzw. – in Staffel 3 – zwei) zusammenhängenden Hauptplot um ein schwerwiegendes Verbrechen: Wer ermordete Lilly Kane? (Staffel1) Wer hat das Attentat auf den Schulbus verübt? (Staffel 2) Wer ist der Hearst-Vergewaltiger? (Staffel 3 – erste Hälfte) Wer hat den Dekan ermordet? (Staffel 3 – zweite Hälfte). Dieser Hauptplot wird wie auch einzelne wichtige Begebenheiten aus Veronicas Leben oft durch kurze Rückblenden, die eher wie ein Traum, leicht verschwommen und mit hohen Gamma-Werten, gestaltet sind, näher beleuchtet. Doch dadurch dass der Hauptfall zwischen 10 und 22 Folgen Zeit hat sich zu entwickeln, bleibt nicht nur viel Raum für falsche Fährten und kleine Details, die auf den Täter hinweisen, aber im größeren Kontext leichter übersehen werden, sondern auch eine ganze Folge für die Auflösung im jeweiligen Staffelfinale. Zwei Plots zeihen sich sogar über zwei Staffeln hin – einer davon sogar fast unbemerkt.



Charakterübersicht:

Um nicht zu viel vorweg zunehmen oder euch zu verwirren, beschränke ich mich mal auf die Hauptcharaktere, die zumindest schon in Staffel 1 vorkommen, auch wenn sie erst später zu Hauptcharakteren erhoben wurden. Wer die Serie kennt braucht keine Infos über Charaktere, die erst in Staffel 2 oder 3 auftauchen, und der Rest kann nichts damit anfangen. Nichtsdestotrotz: SPOILER-ALARM! Stufe 2 würde ich sagen...

Veronica Mars (Kristen Bell): Veronica war, obgleich ihr Vater als Sheriff ein eher durchschnittliches Einkommen hatte, einst Teil der 09er-Clique und die beste Freundin von Lilly Kane. Ferner war Veronica bis kurz vor Lillys Ermordung mit deren Bruder Duncan liiert. Als Keith Mars sein Ansehen in Neptune verliert, ist Veronica die Einzige, die zu ihrem Vater hält, wodurch sie gesellschaftlich abrutscht. In der Schule wird sie zur Außenseiterin. Keith lässt seine hochintelligente Tochter in der Privatdetektei Mars Investigations aushelfen und gelegentlich kleinere Fälle übernehmen. An der Neptune High wird sie manchmal auch von Mitschülern um Hilfe gebeten, wenn mal wieder eine der vielen Intrigen, die die Kids der High Society spinnen aus dem Ruder gelaufen ist. Außerdem ist sie natürlich weiterhin auf der Jagd nach dem wahren Mörder ihrer Freundin. In Staffel 3 wird die Handlung ans Hearst Collage verlagert, wo Veronica Kriminalistik studiert – parallel legt sie ihre Prüfung zur Privatdetektivin ab. Dass Serienschöpfer Rob Thomas die Serie endgültig aus dem Teeniemilieu herauswachsen lies, gefiel dem Sender nicht, der schon bei einigen der früheren Folgen gegen Thomas’ Willen einen an das jüngere Publikum gerichteten Stil durchsetzte. Es war vorgesehen, Veronicas Werdegang noch bis zum FBI zu verfolgen, doch der Sender setze die Serie nach der dritten Staffel ab. Thomas, Bell und prominente Fans wie Autor Stephen King, Regisseur Kevin Smith („Dogma“, „Clerks – die Ladenhüter“) oder Joss Whedon (der Schöpfer der Kultserien „Buffy“, „Angel“ und „Firefly“) protestierten, aber der Sender und die Produktionsfirma blieben hart. Seit dem Ende der Serie kämpfen Fans und die Macher für einen Spielfilm als Abschluss der Geschichte, doch wird dieser immer unwahrscheinlicher.

Logan Echolls (Jason Dohring): Logan war Lillys Freund und litt so wie Veronica sehr unter ihrem Tod. Da er seine Trauer ebenso wie die familiären Probleme mit Arroganz, irgendwelchen Eskapaden und anderem asozialen Verhalten zu überspielen versucht, wird er zunächst zu Veronicas Erznemesis. Als Veronica Logan jedoch helfen soll, seine vermisste Mutter zu finden, beginnt sie zu verstehen, dass er den Kotzbrocken nur mimt. Die beiden freunden sich an und werden im späteren Verlauf der Serie ein Paar – die Fans prägten für die komplizierte Beziehung der beiden das Kürzel LoVe („Lo-“ für Logan und „-Ve“ für Veronica). Eigentlich war der Charakter nur als Nebenfigur in den ersten Folgen geplant, doch überzeugte Dohring in der Rolle so sehr, dass man die Figur ausbaute. Die Dialoge zwischen Veronica und Logan machen einen Großteil der Komik der Serie aus, da Logan der einzige Charakter ist, der Veronica intellektuell wie rhetorisch gewachsen ist.

Keith Mars (Enrico Colantoni): Veronicas Vater arbeitet, nachdem er als Sheriff entlassen wurde, als Privatdetektiv. Sein Hass auf Jake Kane rührt von dessen einstiger Beziehung mit Keiths Frau Lianne zu ihren High-School-Zeiten und einer späteren Affäre der beiden. Obgleich er nicht einmal weiß, ob Veronica seine leibliche Tochter ist (es wäre gut möglich, dass Jake Kane in Wahrheit ihr leiblicher Vater ist), ist sie der wichtigste Mensch in seinem Leben, weshalb er immer wieder vergeblich versucht, sie von riskanten Ermittlungen abzuhalten.

Duncan Kane (Teddy Dunn): Lillys Bruder Duncan beendete die Beziehung zu Veronica, als er herausfand, dass sie seine Schwester sein könnte – verheimlichte ihr dies aber selbst über Lillys Tod hinaus. Duncan leidet unter Epilepsie Typ 4: bei einem Anfall verliert er die Kontrolle über sein Handeln und hat danach meist ein Blackout – doch kommt es nur sehr selten zu Anfällen. Anders als sein Vater und die meisten seiner reichen Freunde ist Duncan sehr sozial und hat einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn.

Wallace Fennel (Percy Daggs III): Nachdem Veronica Wallace an seinem ersten Tag vom Fahnenmast befreit hat (die hiesige Motorradgang klebte ihn nach einem Zwischenfall in der örtlichen Tankstelle mit Duct Tape dort fest), weicht er nicht mehr von ihrer Seite und die beiden werden die besten Freunde. Da Wallace eine Zeit lang im Schulbüro als Helfer arbeiten muss, beschafft er Veronica immer wieder Schülerakten und andere unzugängliche Dokumente.

Eli „Weevil“ Navarro (Francis Capra): Der Anführer von Neptunes Motorradgang, die ausnahmslos aus ärmeren Schülern des Latinoviertels besteht, gibt sich gerne abgebrühter als er ist. Während er in Gegenwart der meisten seiner Mitmenschen den knallharten Draufgänger spielt, zeigt er sich gegenüber Veronica immer wieder als guter Freund und Informant. Letztlich ist Weevil in das Leben eines Kleinkriminellen unfreiwillig hineingewachsen, füllt diese Rolle aber immer wieder voll aus.

Cindy "Mac" Mackenzie (Tina Majorino): Mac bezeichnet sich selbst einmal als Veronicas „Q“ – sie ist ein Computerfreak und kriegt so ziemlich jedes technische Problem für Veronica gelöst. Sie nutzt ihre Fertigkeiten aber auch ganz gerne mal, um den 09ern Geld aus der Tasche zu ziehen.

Don Lamb (Michael Muhney): Der neue Sheriff von Balboa County ist weder besonders arbeitseifrig noch intelligent. Lamb ist jemand, der gerne im Rampenlicht steht, und er geht stets den Weg des geringsten Widerstands. Ferner lässt er keine Gelegenheit aus, seinem früheren Chef und Vorgänger oder dessen Tochter das Leben schwer zu machen.

Jake Kane (Kyle Secor): Der Hauptantagonist der Serie ist ein Mann, den man nicht zum Feind haben will. Kane ist der reichste und mächtigste Mann Neptunes – nicht nur die Stadt ist von seiner Gnade abhängig, nein, er ist zudem noch ein hohes Tier in der Geheimorganisation „The Castle“ (das serieninterne Äquivalent zu „Skulls and Bones“). Leider wird „The Castle“ erst im Finale von Staffel 3 eingeführt und hätte wohl in Staffel 4 eine größere Rolle gespielt – doch kam es nie zu einer vierten Staffel.

Die Casablancas’: Der dritte große 09er-Clan neben den Kanes und den Echolls ist die Familie Casablancas. Die Brüder Dick (Ryan Hansen) und Cassidy (Kyle Gallner) gehen wie Veronica, Logan, Duncan, Weevil, Mac und Wallace auf die Neptune High. Während Dick ein Aufschneider und Rowdy ist, ist Cassidy eher schüchtern und unauffällig. Der Vater der beiden ist der Immobilenhai Richard Casablancas (David Starzyk), der in zweiter Ehe mit der geldgierigen Kendall (Charisma Carpenter) verheiratet ist.




Beste Folgen für einen ersten Eindruck:

1.05 – „Kontrolle ist besser“: Auf der Rückfahrt von einem Wochenendtrip nach Tijuana, Mexiko wird Veronicas neuem Freund Troy der Wagen gestohlen, den er sich unerlaubterweise von seinem Vater „geliehen“ hat. Mit der Luxuskarosse ist außerdem eine Piñata voll mit Steroiden, die Troys Freund für den kriminellen Besitzer eines Fitnessstudios in die Staaten schmuggeln sollte, vom Erdboden verschwunden. Im Hause Mars kriselt es ebenfalls, denn Veronica lernt Keiths neue Freundin kennen: ihre Beratungslehrerin. Allein wegen der Schlusspointe und den sehr unterhaltsamen Dialogen eine sehenswerte Folge, obgleich sie zwischendurch ein paar Längen aufweist.

1.06 – „Die Rückkehr des Kane“: Als die Wahl zum Präsidenten der Schülervertretung alles andere als erwartungsgemäß ausgeht, wittert Veronica eine Wahlmanipulation und geht ihr auf den Grund – leider findet sie dabei wieder einmal mehr heraus, als ihr lieb ist. Logan bedroht durch das Organisieren von Obdachlosenboxkämpfen den guten Ruf seines Vaters, des Schauspielers Aaron Echolls, der daraufhin eine PR-Aktion aus dem Boden stampft, die Logan nutzt, um seinen Vater noch mehr vorzuführen und dabei etwas wirklich gutes zu tun. Diese Folge konzentriert sich sehr viel stärker auf die Charaktere als die vorangegangenen. Sowohl Logan als auch Duncan werden von einer anderen Warte gezeigt und in ihrem Handeln verständlicher. Die Story um die manipulierte Wahl ist mehr Mittel zum Zweck, um die große soziale Schere und das daraus resultierende Konkurrenzdenken innerhalb der Schülerschaft zu verdeutlichen.

1.09: „Blindes Vertrauen“: Eigentlich wollte Veronica für ihren Vater nur herausfinden, wie einer ihrer Mitschüler in die Fänge einer Sekte geriet, doch ehe sie sich’s versieht, ermittelt sie – entgegen Keiths ausdrücklicher Anweisung – auch schon Undercover beim Mondkalb-Kollektiv – so der Name der Gruppierung. Zu ihrer Enttäuschung ist die „Sekte“ eine völlig harmlose Hippiekommune. Leider zahlen die Klienten, die reichen Eltern von Veronicas Mitschüler, nur, wenn es Keith gelingt, belastendes Beweismaterial gegen die Sekte zu finden. Diese Folge ist allein schon deshalb grandios, weil sie sich permanent anders entwickelt, als man gerade erwartet – bis zum Schluss wartet „Blindes Vertrauen“ mit neuen überraschenden Wendungen auf, ohne dabei unlogisch oder konstruiert zu werden. Außerdem hagelt es mal wieder Kapitalismuskritik satt – bei dieser Serie ist das aber praktisch obligatorisch.

1.10 – „Fröhliche Weihnachten“: Bei einer Pokerrunde bei Logan gewinnt Weevil 5000 Dollar, doch als Logan ihn auszahlen will, ist das Geld verschwunden. Weevil kassiert kurzerhand Besitztümer der anderen Spieler als eine Art Pfand – darunter auch Duncans Laptop, auf dem er sein Tagebuch gespeichert hat: Grund genug für Veronica sich auf die Jagd nach dem Dieb zu machen, denn sie ist sich sicher, dass in dem Tagebuch einige Dinge stehen, die besser unter ihr und Duncan bleiben sollten. Das Problem ist und bleibt das Motiv: Warum sollte Logan oder einer seiner reichen Freunde für sie eher läppische 5000 Dollar stehlen? Keith geht derweil einer Morddrohung gegen Logans Vater Aaron Echolls nach. Hier wandelt Veronica wahrlich auf den Spuren von Miss Marple und löst den Fall auch im besten Agatha-Christie-Stil auf. Hinzukommen herrlich bissige Dialoge und viel Situationskomik – besonders die Szene, wo Veronica Logan im Poolhaus aufsucht ist einfach nur saukomisch. Logan ruft Veronica, als sie geht, etwa hinterher: „Verbreite Kopfschmerzen! Verbreite Kopfschmerzen wie der Fön!“ Ferner hat die Folge einen tollen Showdown auf der Weihnachtsparty der Echolls’.

1.11 – „Das Schweigen des Sheriff Lamb“: Ein Serienkiller treibt sein Unwesen: Der E-Seiten-Würger. Eigentlich galt der Killer als gefasst, doch nun ist er zurück und der einzige Experte für die Mordserie ist Keith, der stets daran zweifelte, dass man einst den richtigen hinter Gitter gebracht hatte. So ist Lamb gezwungen mit Keith zusammenzuarbeiten, was ihm arge Probleme bereitet. Derweil kommt Veronica einem Skandal der besonderen Art auf die Spur: das Krankenhaus von Neptune hat zwei ihrer Mitschülerinnen als Babys vertauscht. Diese Folge fokussiert vor allem die Charaktere von Keith, Lamb und Mac, wobei Veronicas Ermittlungen neben der Jagd nach dem E-Seiten-Würger eher zur Nebenhandlung werden. Im Zentrum steht ganz klar die Suche nach dem Serienkiller. Zugleich wird mit einem leicht ironischen Unterton die Geschichte um die vertauschten Kinder erzählt – wiedereinmal geht es dabei um Gesellschaftskritik und ein recht amüsantes Spielen mit gängigen Klischees. Kaum eine Folge verknüpft so sehr Elemente von Film Noir, Comedy, Drama und Krimi miteinander wie diese.

1.12 – „Kampf der Tritonen“: Veronica im Fadenkreuz von Sheriff Lamb: sie soll für einige ihrer Mitschüler Ausweise gefälscht haben. In ihrem Spind findet Lamb sogar Vordrucke und führt Veronica vor den Augen der gesamten Schule in Handschellen ab. Wie sich bald herausstellt, wird der Schüler, dessen Aussage sie belastet, von einem Geheimbund – genannt Die Tritonen – unter Druck gesetzt. Diese Folge hat einfach alles: einen Geheimbund, Schüler, die sich ins Koma saufen, eine Wanze im Büro der Beratungslehrerin (die Gespräche, die Veronica abhört geben einen guten Einblick in das Seelenleben von Logan, Duncan und Weevil), eine versteckte Überwachungskamera, eine Gesangseinlage von Kristen Bell, viel Witz und eine tolle und überraschende Auflösung. Ganz großes KINO!

1.14 – „Mars gegen Mars“: Logan bittet Veronica, ihm bei der Suche nach seiner tot geglaubten Mutter zu helfen, denn er ist überzeugt, dass sie vor seinem Vater geflohen ist, nachdem dessen Seitensprünge öffentlich wurden. Außerdem beschuldigt eine Mitschülerin Veronicas ihren Lieblingslehrer Mr. Rooks vor der versammelten Klasse, eine Affäre mir ihr gehabt zu haben. Während Veronica alles daran setzt, die Vorwürfe zu entkräften wird Keith von den Eltern der Schülerin engagiert, um Beweise für Rooks’ Schuld zu finden. Außerdem ergaunert sich Veronica Duncans Krankenakte bei dessen Hausarzt und findet heraus, dass Duncan Epilepsie Typ 4 hat. Doch noch eine andere Krankenakte fällt ihr dort in die Hände: die von Abel Koontz. Definitiv eine der vielschichtigsten und spannendsten Folgen, die zudem maßgebend für den weiteren verlauf der Serie ist. „Mars gegen Mars“ könnte man als die Folge sehen, ab der die Serie eine neue Richtung einschlägt und weitaus düsterer wird.

Obgleich später noch weit bessere Folgen kommen als diese sieben, würden die einfach zuviel vorweg nehmen. Um einen ersten Eindruck von der Serie zu gewinnen solltet ihr definitiv eine dieser Folgen gucken. Um aber noch einen Eindruck vom Humor zu vermitteln ein kleiner Zusammenschnitt meiner persönlichen Lieblingssprüche aus den ersten zwei Staffeln, um diese kleine Vorstellung etwas anschaulicher zu gestalten (ich sage das nur extra dazu, um unmissverständlich klar zu machen, dass diese knapp 10 Minuten Ausschnitte als Teil des Artikels betrachtet werden sollen und der Illustration dienen):




Dienstag, 25. Januar 2011

So hat ein Dschungelcamp auszusehen

So, wird mal Zeit für einen neuen Artikel und wenn der fertig ist, kommen in recht rascher Folge sowohl die restlichen SP-Bilder als auch der erste Teil des Jahresrückblicks und die erste Ausgabe der Reihe "Kultserien" -allerdings nicht zwingend in der Reihenfolge ;-).
Doch da im Moment ja mal wieder das Dschungelcamp läuft (und ich muss gestehen, auch das ein oder andere Mal reingeguckt zu haben, denn das ist mittlerweile ja besser als jede Dramedy-Serie) kam mir eine Idee für einen eher satirischen Text, der uns zudem etwas in Nostalgie schwelgen lassen kann.
Zunächst aber ein paar Gedanken zum aktuellen Dschungelcamp bei RTL, denn irgendwie äußert sich ja jeder dazu und gerade an diesem Montagabend komm ich nicht umhin, doch mal auch meinen Senf dazu abzugeben. Apropos Montagabend: Ist das nicht eine Frechheit, dass wegen der Song-Suche jetzt drei Wochen kein "Fringe" kommt? Warum können die das nicht dienstags machen, da laufen eh' nur Wiederholungen - darunter FÜNF Folgen "Two and a Half man"?! Wo war ich? Ach, ja im Urwald! Heute kam nun also der Vorwurf von Sarah, die Liebesbeziehung zwischen zwei von den anderen Halbaffen sei inszeniert... Ui! Was deckt sie wohl als nächstes auf, jetzt wo sie raus ist ausm Dschungel? Wurde Kennedy gar nicht von Lee Harvey Oswald ermordet? ich bin echt froh ausgrechnet heute mal einen längeren Blick reingeworfen zu haben, denn was da so alles gesagt wurde... Intrigen und Verleumdungen - ich kam mir vor wie bei einer Griechischen Tragödie, die in einer Psychiatrischen Station im Dschungel spielt. Herrlich! Mathieu Carrière ist - so Sarah - also ein lüsterner Alkholiker... würde zumindest erklären, wie DER da hinkommt, denn anders kann ich es mir nicht erklären wie ein Mann wie Carrière in diese Show kommt. Katy säuft angeblich auch. Die anderen spinnen Intrigen... also bis auf den kochenden Hutfan und Frühstücks-TV-Moderator Peer Kusmagk und den fastenden Alt-Hippie Rainer Langhans (geilster Name überhaupt) sind die alle böse. Ich glaube ja vielmehr, dass da weit mehr inszeniert ist als die angebliche Affäre von den zwei Pseudo-Indern.
Aber letztlich gibt es nur ein legitimes Dschungelcamp und das ist nicht in Australien, sondern auf einer Insel, die manchmal in der Nähe von Australien ist und dann auch wieder nicht. Schalten wir also direkt rein. ich gebe also ab an unsere zwei nachnamenlosen Moderatoren Jacob und Samuel in unser Studio unter der Statue:

JACOB: Unser armer Charlie... schon mal ein Kandidat weniger.

SAMUEL: Ja, die Dschungelprüfung mit dem Wassertank war wohl zu viel für ihn. Deshalb wurde er "rausgewählt"... armer abgehalfterter Pop-Star. Wusstest du übrigens, was seine zwei Luxusartikel waren?

JACOB: Nein, aber ich weiß noch, wie er ohne Sterne zurückkam und Claire weißmachen wollte, er habe Erdnussbutter für die Gruppe erspielt.

SAMUEL: Ja... ähm. Sag mal kannst du eigentlich nur einmal auf eine Frage, die man dir stellt, eine sinnvolle Antwort geben?

JACOB: Auf jede Antwort, die ich dir gebe, folgt nur eine weitere Frage.

SAMUEL: Mal überlegt, warum das so ist?

JACOB: Ja und ich komme irgendwann auch einmal zu einem Ergebnis. Alles, was bis dahin passiert, ist nur Fortschritt.

SAMUEL: Charlies Luxusartikel waren - um mal auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen - seine Gitarre und ein kleiner brauner Klumben in Frischhaltefolie. Vielleicht hätte er sich lieber für eine kleine Sauerstoffflasche entscheiden sollen. Nun gehen wir zwei aber rüber ins Camp, denn es ist Zeit für die heutige Dschungelprüfung.



Im Camp:

HUGO: Eye, Alter, entweder will ich heute zur Dschungelprüfung, damit ich da was zu essen bekomme oder egal wer hingeht, muss alle Setrne holen.

JAMES: Als ob du verhungern könntest, Jabba.

JOHN: Also, ich hatte mir diesen Walkabout irgendwie anders vorgestellt. Ich dachte, wir jagen unser Essen selbst. Deshalb habe ich schließlich meine 300 Messer mitgeschleppt. Meine und Desmonds Prüfung am zweiten Tag war doch wohl ein Witz: Zahleneintippen.

JAMES: Und was macht Desmondo? Bricht die Prüfung ab, nur weil sich der Himmel verfärbt.

HUGO: Hätte ich ja einmal verschmerzen können. Aber drei Tage in Folge nur Mangos und Reis?

JAMES: Eye, da kommen der Geist der Vergangenen Weihnacht und der brennende Dornbusch.

Jacob und Samuel treten in die Mitte des Camps.

JACOB: Es wird Zeit für die heutige Dschungelprüfung. Ihr habt in den letzten drei Tagen keine Sterne erbeuten können - unter anderem weil Shannon ihre Prüfung - angeblich ja die schwerste Dschungelprüfung von allen, die es schon gab und die noch kommen mögen - ...

JAMES: Ich bin auf dieser Insel schon durch die Zeit gereist und kann nur sagen, dass das nicht stimmt.

JACOB: ...abgebrochen hat. Ich mag es im übrigen nicht, unterbrochen zu werden.

SAMUEL: Und ich mag es nicht, in merkwürdig leuchtende Grotten geschmissen zu werden. Hat auch keinen interessiert.

JACOB: Fängst du schon wieder an?

SAMUEL: Wieso schon wieder? Ich habe das bestimmt 108 Jahre nicht mehr erwähnt, du abgehalfterter Jesus-Verschnitt.

JACOB seufzt: Kommen wir also zur heutigen Dschungelprüfung. Kate!

KATE: Ja?

JACOB: Du bist es nicht.

KATE: War ja klar, dass mein Name wieder einmal nicht auf der Liste steht.

JAMES: Wieso? Willst du den Job, Sommersprosse?

KATE: Nein, aber es geht hier ums Prinzip.

JACOB: Ben!

BEN: Ach, das ist ja mal wieder typisch. Jetzt entschließt du dich also mit mir zu sprechen, was? Ständig sagt man mir: "Du musst geduldig sein. Du wirst abwarten müssen." Aber prompt kommt so eine blöde Dschungelprüfung, behandelst du die als wären sie....

JACOB: Ben, du bist es vielleicht. Desmond!

DESMOND: Ja, Bruder?

SAMUEL: Pass auf, Junge, ich verrat dir mal was: Du willst alles mögliche sein, aber ganz bestimmt nicht Sein Bruder. Glaub mir, das hat nur Nachteile.

JACOB: Du bist es heute nicht.

SAMUEL: Sayid!
Sayid zeigt keine Reaktion.

Sayid? Ich hätte ihn ersaufen lassen sollen... der ist wie ein Roboter seit dieser Sache mit dem Pool. Also, Sayid, du bist es heute auch nicht.

JACOB: John, du bist es vielleicht.

JOHN: Was bin ich? Besonders?

SHANNON: Besonders nervtötend auf jeden Fall.

JACOB: Nein, du bist vielleicht derjenige, der heute die Dschungelprüfung ablegen muss.

SAMUEL: Claire! Claire?

BEN: Bastelt mal wieder an ihrem Fusselbaby oder was das sein soll. Wem sag ich das überhaupt? Mir glaubt ja eh' keiner.

SAMUEL: Das kenn ich. Na ja, Claire war es sowieso nicht.

JACOB: Stimmt, sie steht nicht auf meiner Liste.

BEN: Jetzt fängt der wieder mit seinen Listen an. Wenn ich noch einmal das Wort "Liste" höre, bring ich jemanden um.

MILES: Schon wieder?

BEN: Was soll das denn heißen? Wenn der Iraker mich foltert oder erschießen will, ist das okay. Zündet der Doc eine Wasserstoffbombe, beschwert sich allenfalls mal Kate darüber, zieht aber mit. Der Möchtegern-Frank-William-Abagnale da drüben knallt zig Leute ab, aber hey, er hat ein tolles Six-Pack, da kümmert's keinen, wen er schon allesüber den Haufen geschossen hat. Aber wenn ich dann mal einen kleinen Unfall arrangiere, bin ich der Böse.

SAMUEL: Was? Ich dachte der Böse wäre ich?

JAMES: Könnt ihr zwei Halbaffen uns vielleicht endlich sagen, wer diese blöde Prüfung ablegen muss? Ich hab' nicht den ganzen Tag Zeit.

RICHARD: Sei froh. Zu viel Zeit haben, ist gar nicht gut. Ich weiß wovon ich rede.

JAMES: Wer hat dich denn bitte gefragt, Eyeliner?

RICHARD: Meine Augenkonturen...

MILES genervt: Jetzt geht das wieder los.... Du musstest es auch heraufbeschwören, Jim?

SAMUEL: Wenn ihr nicht augenblicklich die Klappe haltet,...

BEN: Was dann? Machst du dann wieder deine Rauchmonsternummer? Davor hab' ich schon keine Angst mehr, seit ich zwölf war.

SAMUEL: Nein, ich hol die beiden Koreaner ins Camp zurück.

Stille.

JACOB: Okay, wir sind schon über der Zeit.

JAMES: Als ob Zeit auf dieser Insel eine Rolle spielen würde...

BEN: Ach, jetzt auf einmal. Dein Kurzzeitgedächtnis will ich haben.

JACOB: Also... die Dschungelprüfung macht heute... entweder John oder Ben...

JAMES: Wird das heute nochmal was, Marco Schreyl?

JACOB: Hetz mich nicht.

SAMUEL: Der feine Herr ist nämlich unsterblich.

JACOB: Die Prüfung macht heute... JOHN.

BEN: Was ist mit mir?

JACOB: Was soll mit dir sein?

BEN: Ich will auch besonders sein.

SAMUEL: Der dumme Glatzkopf ist nicht besonders.




Bei der Prüfung, an einem Brunnen:

SAMUEL: Weil sich der Verteidigungsminister und der Tierschutzbund beschwert haben, lassen wir die Kakerlaken und Würmer ab sofort weg. Du musst dich jetzt in diesen Brunnen abseilen und unten ein Rad bewegen, dass in die Wand eingelassen ist, aber zuvor brauchen wir jetzt...

JACOB und SAMUEL: Doktor Jack!!!



Hier käme natürlich noch so eine an Indiana-Jones angelehnte Melodie aus dem Computer.

Jack springt zu John, Jacob und Samuel ins Bild.

JACK: Hallo, John.

JOHN: Nur mal so fürs Protokoll: Weil er einen Doktortitel hat, soll er mir jetzt was über das Leben im Dschugel erzählen.

JACK: Seit wann hat diese Show etwas mit dem Leben im Dschungel zu tun? Die Anderen haben sogar Kabelfernsehn.

JACOB zu Samuel: Wäre das nicht eher ein Beleg dafür, dass wir fernab der zivilisierten Welt sind.

SAMUEL sieht Jacob vorwurfsvoll an: Erzähl Du mir bloß nichts von der zivilisierten Welt.

JACK: Eigentlich wollte ich nur einmal obligatorisch ins Bild springen, sagen, dass du das schon schaffst und dann wieder gehen. Aber eigentlich glaube ich gar nicht daran, dass du das hinkriegst, John.

JOHN: Warum fällt es dir so schwer daran zu glauben?

JACK: Warum fällt es dir so leicht? Mein Vater hat immer...

SAMUEL zu Jacob: Fängt er jetzt wieder mit den Red Sox an?

JACK: ...gesagt: "Du hast es einfach nicht drauf!"

JOHN: Ich wünschte, du hättest mir geglaubt, Jack.

JACOB zu John: Du musst nicht zur Prüfung antreten, denn ich will, dass du hast, was ich nie hatte: eine Wahl. Du kannst dich für die Prüfung entscheiden, aber du kannst dich auch dagegen entscheiden. Trittst du zur Dschungelprüfung an?

Ob John zur Prüfung antritt, erfhart ihr in der zweiten Ausgabe, doch verfahre ich da mal wie die amerikanischen TV-Sender: Folge 2 schreibe ich nur, wenn Folge 1 gut genug ankommt ;-)

Freitag, 24. Dezember 2010

Alle Jahre wieder.... - Weihnachten und das Fernsehen

Ach, ja.. die Weihnachtszeit oder sollte man lieber sagen Adventszeit? Den Supermarktregalen nach beginnt die Vorweihnachtszeit ja schon Ende August oder spätestens Mitte September, wenn die ersten Lebkuchen auch außerhalb von Aachen und Nürnberg ihren Weg dorthin finden. Da ich Lebkuchen gerne esse, kann ich damit sehr gut leben, aber ursprünglich waren Lebkuchen und Spekulatius auch keine Weihnachtskekse. Die Gewürze waren halt sehr teuer und so konnte man sie sich nur an Weihnachten leisten. Ganz ohne "Würze" scheint jedoch das Fernsehen in den Tagen um das Weihnachtsfest auszukommen. Würde man jemandem statt dem aktuellen Programm einfach das von letztem Jahr vorspielen, so würde er wohl nur auf den Trichter kommen, weil bei den Jahresrückblicken andere Jahreszahlen stehen. Womit wir schon beim ersten Thema wären:
Warum macht man schon Anfang Dezember Jahresrückblicke? Das ist doch vergleichbar mit Leuten, die beim Fussballspiel in der 85ten Minute den Fernseher mit dem Kommentar "Ist eh' gelaufen" ausmachen und weggehen. Dass die gegnerische Mannschaft erst den Anschlusstreffer und dann den Ausgleich schießt und das Spiel in die Verlängerung geht, bekommen die gar nicht mehr mit. Für Kerner, Jauch, Gottschalk und Co endet das Jahr wohl einfach zwei bis vier Wochen früher als für den Rest von uns. Oder rechnen die beim Fernsehen in Kirchenjahren? Apropos Kirche: von den Missbrauchsfällen und der Lockerung des "Kondom-Verbots" habe ich in dem, was ich von diesen Sendungen gesehen habe, nichts gehört. Beim nachträglichen Recherchieren taucht dann mal der Name Bischof Stephan Ackermann aus Trier auf. Der wurde natürlich in keinen der Teaser gepackt oder groß angekündigt. Ganz unabhängig davon ist er lediglich der neue Missbrauchsbeauftragte. Die Verantwortlichen mal ordentlich in die Zange zu nehmen, scheint wohl nicht so ganz ins Konzept zu passen. Stattdessen lädt Jauch lieber was fürs Herz ein: ein irrer Opa, der zu den Charts des Jahres rumhampelt wie ein ADHS-Kind auf Kokain bei der Elektroschocktherapie. Nichts gegen den älteren Herren - wenn der Spaß daran hat, so rumzuhüpfen, soll er das gerne machen. Aber: Was hat der in einem Jahresrückblick verloren? Wobei ich ja sagen muss, dass er von den Gästen sogar noch zu den besseren gehörte. Wen hatte Jauch sonst geladen? Guido Westerwelle, Thilo Sarrazin und Daniela Katzenberger. Kamerageil, faul, realitätsfern, zu blöd zum Milchholen und Ansichten, die mich mehr so an die 1930er und frühen 1940er erinnern... und halt noch Daniela Katzenberger, auf die wenigstens der dritte und letzte Punkt definitiv nicht zutreffen. Das will schon was heißen, wenn unter drei Leuten die Katzenberger als leuchtendes Beispiel heraussticht. Okay, jetzt wird's schon wieder politisch, aber für Hass auf Westerwelle und Sarrazin muss man ja wahrlich nicht politikbegeistert sein - es genügt auch Ausländer, Chronischkranker, Arbeitsloser, Ossi oder Pflegekraft zu sein. Ach, und wir brauchen in so einem Jahresrückblick natürlich noch etwas schön Sensationslüsternes, damit der Zuschauer dieses Kribbeln bekommt. Was würden die bei so einem Jahresrückblick eigentlich machen, wenn in einem Jahr mal nichts schlimmes passiert wäret? Wäre doch schön, oder? Keine Massenpanik, kein eingestürzter Bergwerksstollen, kein Vulkanausbruch, kein Erdbeben, kein Tsunami, keine Überschwemmungen, keine Pandemie, kein Terroranschlag, kein Krieg, keine Aschewolke, keine Missbrauchsfälle, keine absaufende Bohrinsel, kein den Juchtenkäfer gefährdender Bahnhof, keine Laufzeitverlängerung, kein Amoklauf, kein Westerwelle - einfach mal gar nichts. Ein katastrophenfreies Jahr! Da würden sich alle drüber freuen - außer denen beim Fernsehen. Dann könnten sie nicht mit betulicher Stimme fragen: "Wie war das denn für Sie, als sie in dieser Massenpanik unter all den Schweinegrippe-Kranken waren, weil durch ein Erdbeben, der Bergwerksstollen, in dem gerade Guido Westerwelle Amok lief und Atomstromgegner zum Schutz des Juchtenkäfers einen Terroranschlag verübten, einstürzte, in dem sie sich gerade aufhielten, um vor einer durch einen Tsunamie ausgelösten Überschwemmung zu fliehen, die das Öl aus der leckenden Bohrplattform ins Landesinnere transportierte?"
Warum muss man bitte zwei junge Menschen, die aus der Sache bei der Loveparade gerade so lebend rausgekommen sind, vor die Kamera zerren? Wieso muss man Helmut Schmidt nochmal in ein Studio karren, wo er dann durch Antwortverweigerung seine Meinung zu Guido Westerwelle äußert, und obendrein in offenen Wunden bohren, indem man ihn zum Tod seiner Frau befragt?

Gottschalk wird genötigt einen Jahresrückblick zu moderieren, der praktisch um den Unfall von Samuel Koch konstruiert wird, der seit der letzten "Wetten dass...?"-Ausgabe ohnehin wie ein Schatten über Gottschalk hängt. Okay, der Vater wollte das so, aber auch hier muss man sich fragen, ob das ZDF hier nicht irgendwo in der Verpflichtung gewesen wäre, dem Mann davon abzuraten. Eine wirklich kluge Idee ist das ja nun nicht, dass wieder ins Fernsehen zurückzutragen und Gottschalk war wohl auch alles andere als happy darüber. Was mich in Bezug auf diesen Vorfall so wundert, war vor allem, dass es an dem Abend, als es passierte, noch ganz danach aussah, als würde der junge Mann keine bleibenden Schäden davontragen, denn soweit ich mich erinnere, sagte Gottschalk damals, Samuel könne seine Beine spüren und/oder bewegen.
Und eine Vielzahl der großen Aufreger des Jahres werden ganz bewusst ausgeklammert oder am Rande abgehandelt: Aschewolke? Bohrinsel? Hätte man doch mal einen von BP einladen können, oder? Was ist zum Beispiel mit der televisionären Lynchjustiz für Kinderschänder und Metereologen? Klar, für die Frau unseres Verteidigungsministers und Alice Schwartzer war das toll, aber in einem Rechtsstaat doch eher fragwürdig. RTL2 brachte einen ja fast soweit, dass man noch Mitleid mit den Typen hatte - und sein wir mal ehrlich: Wenn jemand eine sexuelle Neigung hat, die ihn zu einem potenziellen Straftäter macht, sollte man zusehen, dass man den in eine gute Therapie steckt und nicht ins Fernsehen. VORBEUGUNG ist das Zauberwort. Stattdessen tritt man die Bürgerrechte mit Füßen, stellt die potenziellen Kinderschänder, verfolgt das Ganze danach aber nicht weiter. Überhaupt habe ich, wenn ich so aufs Jahr zurückblicke, das Gefühl, das Fernsehen hätte uns ständig mit irgendwelchen Sexualstraftaten vor der Nase rumgefuchtelt, wobei die definitiv schuldigen Kinderschänder aus den Reihen des Klerus besser wegkamen, als ein mutmaßlicher Vergewaltiger, nur weil der im Ersten das Wetter moderierte. Wo waren Alice Schwartzer und Stephanie zu Guttenberg denn, als die katholische Kirche überrascht feststellte, dass sie über Jahrzehnte Pädophile, Kinderschänder und Gewaltverbrecher gedeckt hatte? So ein Thema macht sich halt nicht so gut, in einer Unterhaltungssendung am Sonntagabend... 'nen Kohlekumpel aus Chile reinkarren, der dann irgendwas auf Spanisch stammelt, ist da schon besser, denn die Geschichte ging ja gut aus. Das ist was fürs Herz - wie gemacht für die Adventszeit. Bischof Mixa hingegen verdirbt wohl den Appetit auf Lebkuchen. Oder man könnte einen von den Polizisten einladen, die Schülern mit abgelaufenem Pfefferspray die Augen rausbrennen und die Rentner mit dem Wasserwerfer ausm Rollstuhl schießen mussten. Nein, kein Beitrag über Ansätze eines Polizeistaates in einem zumindest offiziell demokratischen Rechtsstaat. Apropos: Joachim Gauck war ja bei Kerner zu Gast. Ich gestehe, die Sendung nicht gesehen zu haben, aber liege ich falsch, wenn ich mutmaße, dass dabei nicht zur Sprache kam, dass unsere Politiker unter dem Schutz des Grundgesetzes selbiges gebrochen haben? Im Grundgesetz steht, dass jeder Abgeordnete und jedes Mitglied der Volksversammlung dazu verpflichtet ist, nach seinem Gewissen abzustimmen, dennoch habe ich immer noch im Ohr, wie ein CDU-Politiker vor dem dritten Wahlgang unverholen in die Kamera sagte: "Wir haben in unseren Reihen Geschlossenheit hergestellt." Diese Liste könnte ich noch endlos fortführen, lasse es aber an dieser Stelle mal lieber und schließe diesen Punkt mit: Das Fernsehen beschäftigt sich ungern damit, dass es uns zusammen mit den Politikern und Lobbyisten nach Herzenslust verarscht.
Dennoch hat das Elend einen wichtigen Stellenwert in der Programmplanung der Fernsehsender vor Weihnachten. Statt im Jahresrückblick darüber zu sprechen, setzt man uns jedes Jahr im Dezember ein paar Prominente vor die Nase, die um Spenden für die hungernden AIDS-Waisen in Afrika bitten. Das ist der moderne Ablasshandel, denn einmal in der Stunde taucht ein Vertreter irgendeines in Miskredit geratenen Großkonzerns auf und überreicht dem Moderator einen Scheck in der Größe eines Kinoplakats. Auf dem Scheck steht dann für gewöhnlich irgendein Betrag, den das betreffende Unternehmen aus der Portokasse zahlt und zudem noch wunderbar von der Steuer absetzen kann - kommt beim Volk besser an, als die Kohle nach Liechtenstein zu schicken. Ein Großunternehmer, dem es wirklich daraum geht, etwas für ärmere Menschen zu tun, macht das ohne Medienrummel. Das gleiche gilt für Prominente: der in diesem Jahr verstorbene Christoph Schlingensief (dessen Tod fällt natürlich auch untern Tisch) arbeitete an einem "Opernhaus" (letztlich aber mehr eine Art Haus für kulturelle Projekte aller Art) in Afrika und erzählte in den Medien nur selten davon - meist um Unterstützung zu finden. Emma Watson stellt mit namenhaften Unternehmen aus der Bekleidungsindustrie Kollektionen zusammen, die ohne Kinderarbeit und Ausbeutung von Drittweltländern auskommen. Frank Zander organisiert seit 1995 jedes Jahr ein Weihnachtsessen für Obdachlose. Das sind jetzt nur die drei, die mir spontan einfallen, und von denen sieht man keine Fernsehauftritte, wo sie das rausposaunen müssen. Ginge es wirklich um den guten Zweck könnten Promis und Unternehmer das Geld mit den Produktionskosten und Gagen für die jeweilige Show zusammenschmeißen und unbürokratisch in Hilfsprojekte stecken. Stattdessen machen die ein riesen Theater und paaren die Aufnahmen vom Besuch an einer afrikanischen Schule dann am besten noch mit ein paar heiteren Weihnachtssketchen. Okay, mittlerweile gibt es etliche Comedy-Weihnachtsshows, die wie die Volksmusik-Weihnachtsshows schon im Sommer (vermutlich gleich für die nächsten drei Jahre aufeinmal) aufgezeichnet werden, nicht um Spenden bitten und inhaltlich so platt sind wie ein Blatt Löschpapier. Mal ganz abgesehen davon: Was die Menschen in Afrika brauchen, ist selten das, was die Europäer denen schicken. Vor einiger Zeit habe ich für meine Tante einen Film über eine Partnerschule (meine Tante ist wie die halbe Familie Lehrerin) in Malawi zusammengeschnitten. Daher kenn ich dieses schöne Fallbeispiel: Dieser Schule wurden von der EU 500 blaue Plastikstühle gespendet. Jetzt die Frage: Was fängt man mit 500 Plastikstühlen an, wenn man nicht mal halb so viele Schüler hat? Obendrein hat die Schule keine Tische, keine vernünftigen sanitären Anlagen, keine Betten für die Schüler, die die Schule als Internat besuchen, und etwa ein Buch für fünf Schüler. Was soll ich im Unterricht mit einem Stuhl ohne Tisch? Und wären ausreichend Lehrmittel - also Bücher - nicht sinnvoller gewesen, damit die Kinder etwas aus sich machen können? Von dem ganzen Käse mit den Patenschaften, die das Gewissen von Einzelpersonen beruhigen, aber das Problem nicht lösen, sondern eher noch zementieren, will ich lieber gar nicht erst anfangen. Aber wenn wir und die Medienaffen zu Weihnachten unser Gewissen beruhigen wollen, kommt so eine Spende einfach besser, sonst müsste man sich ja mal ernsthaft mit diesen Problemen auseinandersetzen und das will eigentlich keiner. Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich in meiner Grundschulzeit immer einen recht großen Anteil meines Taschengeldes vor Weihnachten für eine Spendenaktion in unserer Kirche gespendet habe, weil ich fürchten muss, dass davon allenfalls ein Bruchteil je da ankam, wo es hinsollte. Vermutlich hat der Pfaffe das Geld an Heiligabend versoffen oder in Wertpapieren der Hypo Real Estate angelegt.
Wenden wir uns jetzt aber mal etwas angenehmeren Aspekten des Fernsehens in der Vorweihnachtszeit zu und zwar den Filmen und Serien-Specials, die man fast jedes Jahr zu sehen bekommt und die für mich teilweise auch einfach dazu gehören. Leider habe ich meinen Pflicht-Weihnachtsfilm dieses Jahr tatsächlich verpennt: "Das Wunder von Manhattan". Auch wenn der Film mehr als einmal droht, im totalen Kitsch zu versinken, kriegt er immer noch gerade so die Kurve. Sir Richard Attenborough ist für mich einfach der einzig ligitime Film-Weihnachtsmann. Er passt perfekt in die Rolle und verkörpert den Charakter sehr menschlich. Dieser Santa Clause hat durchaus Schwächen, ist etwas wunderlich und man kann bis zum Ende nie 100%ig sicher sein, dass er auch wirklich echt ist. Das macht letztlich den Reiz des Films aus: der Zuschauer bleibt mit dem selben Funken Zweifel zurück wie die Charaktere. So ein Santa Clause ist mir persönlich lieber als ein völlig fehlerfreier oder einer, der im feuerfesten Spezialanzug durch die Gegend fliegt und unserem Lost-Sawyer Juliet wegschnappt.
Aber wenn man an Tim Allen und Weihnachten denkt, kommt einem auch weniger "Santa Clause" 1-3 in den Sinn, sondern vor allem die Dekorationsschlacht auf dem Hause der Taylors in sämtlichen Weihnachtsfolgen von "Hör mal wer da hämmert" oder auch der Film "Verrückte Weihnachten", der auf dem Roman "Das Fest" von John Grisham basiert. Die Idee des Films und des Romans ist nun wahrlich genial: ein Ehepaar will Weihnachten ausfallen lassen, weil Töchterchen außerhaus ist und die zwei von dem Geld lieber in Urlaub wollen - und das in einer Vorstadt der Vereinigten Staaten. Leider passen Tim Allen und Jamie Lee Curtis nicht wirklich in diese Rollen und am Ende wird der Film dann doch etwas kitschig, aber das gehört zu Weihnachtsfilmen wohl zwangsläufig dazu. Die eigentlichen Stars des Films sind aber auch mehr die Nachbarn, die das Ehepaar Krank mehr als penetrant dazu bringen wollen, ihr Haus zu dekorieren und ihre alljährliche Weihnachtsfeier auszurichten. Der daraus entstehende Kleinkrieg ist wahrlich sehr amüsant.
Eine Weihnachtskomödie der etwas anderen Art ist der britische Film "Tatsächlich... Liebe". Obwohl ich in der Regel weder mit Liebes- noch mit Weihnachtsfilmen so wirklich viel anfangen kann, gefällt mir dieser richtig gut. Die Briten haben das mit den Komödien einfach drauf. In diesem Film laufen viele kleine Handlungsstränge um unterschiedliche Liebesbeziehungen, die entstehen, zerbrechen oder nie gänzlich zustande kommen, nebeneinanderher und verschmelzen durch wenige Berührungspunkte dann doch irgendwie zu einer Einheit. Und das Cast kann sich wirklich sehen lassen: Bill Nighy, Alan Rickman, Keira Knightley, Liam Neeson, Hugh Grant, Emma Thompson, Laura Linney, Colin Firth, Rowan Atkinson, Heike Makatsch etc. Kleine Randnotiz: Wie ich gerade bei Wikipedia lese (wollte die Darstellerliste nochmal kontrollieren und gucken, ob ich wen vergessen habe, der wichtig ist... ja, hab ich, ich sag aber nicht wen^^) hat das Lexikon des Internationalen Films auch hier wieder was zu meckern. Ich habe wirklich bei noch keinem Film mal eine positive Kritik aus diesem Werk gelesen, aber professionelle Filmkritiker scheinen eh' mehr am Meckern interessiert zu sein. Ich finde den Film unterhaltsam und kurzweilig und vor allem für einen Weihnachtsfilm ebenso wie für einen Liebesfilm erfrischend "kitscharm".
Ich bin aber auch ein großer Fan von etwas morbideren Filmen, die den ganzen Weihnachtskitsch und die mythologischen Aspekte des Weihnachtsfestes auf die Schippe nehmen. Ein echter Klassiker aus dieser Sparte ist natürlich "Gremlins - Kleine Monster", den man seit Jahren stets nur geschnitten zu Gesicht bekommt. Dennoch ein herrlich beknackter Film, der den ganzen Weihnachtskonsumterror ordentlich durch den Kakao zieht und vor abstrusen Einfällen nur so sprüt. Alleine die Szene mit dem Treppenlift ist einfach herrlich bösartig. Nicht zu vergessen Kates Horrorgeschichte, die begründet, warum sie Weihnachten hasst... und so fies die Gremlins sind, so niedlich ist Gizmo ;-) (besonders mit Santa-Cluase-Mütze).
Jedes Jahr ein absolutes Muss ist "The Nightmare before Christmas", den ich bei den Musicals wohlweißlich mal ausgesparrt hatte, von Tim Burton (Idee) und Henry Selick (Regie). Wo soll man bei dem Film nur anfangen? Er ist so vielschichtg, enthält viele Musicalelemente, karikiert die Bräuche zu Halloween und Weihnachten, ist eine Parabel auf das Aufeinandertreffen völlig gegensätzlicher Kulturen und die damit verbundenen Missverständnisse, parodiert andere Filme, ist bisweilen auch sehr dütser und dramatisch - alles in allem also einer der wenigen Filme, denen es gelingt, sowohl als Unterhaltungfilm wie auch als hintergründiges, mit viel Subtext versehenes Kunstwerk bestens zu funktionieren.
Es gibt nur einen anderen Weihnachtsfilm, dem das auf ähnlich kongeniale Weise gelingt: die Terry-Pratchett-Verfilmung "Hogfather". Hier ist es zwar nicht der Herrscher vom Halloweenland (in "The Nightmare before Christmas" Jack Skellington, in der Folklore ja eher Jack O'Lantern oder Samhain), sondern der Tod selbst, der Weihnachtsmann (also streng genommen das Scheibenwelt-Pendant dazu: den Hogfather) spielt, aber die damit verbundene Parodie auf die Weihnachtsbräuche ist im Kern recht ähnlich. Auch "Hogfather" spinnt die Handlung um Figuren des Brauchtums im Allgemeinen und so tauchen neben dem Hogfather (in der deutschen Fassung ziemlich sinnfrei mit "Schneevater" übersetzt) und dem Tod auch die Zahnfee, der Sockenfresser, der o Gott des Katzenjammers und der Warzengnom auf - die letzten drei entstehen durch das Glaubensvakuum, das durch das Verschwinden des Hogfathers entstanden ist, denn die Revisoren der Wirklichkeit (die Verkörperung des rein Rationalen). wollen den "Dicken" von der Assassinengilde inhumieren (also umbringen) lassen. Alles in Allem ist "Hogfather" ein überaus hintergründiger Film mit in weiten Teilen sehr schwarzem und/oder gesellschaftskritischen Humor, der viele Aspekte der Herkunft des Weihnachtsfestes mit einbezieht und so auch als dezente Religionskritik (vor allem am frühen Christentum) verstanden werden kann. Obendrein ist er auch noch recht spannend, für einen TV-Film überaus hochwertig produziert und so vielseitig, dass man ihn nicht nur an Weihnachten gucken kann. Nur die deutsche Übersetzung schlägt einem wie schon bei den Scheibenwelt-Romanen des Öfteren aufs Gemüt: die Übersetzung Hogfather = Schneevater erwähnte ich ja bereits, aber aus dem scheibenweltlichen Weihnachtsfest Hogswatch wird im Deutschen sehr plump Silvester gemacht und Mr. Teatime (alle sprechen es immer "tie-teim" aus, woraufhin er berichtigt, es spräche sich "tie-ah-tim-ei") wird zu Herrn Kaffeetrinken (tja, das wird es bei der Aussprache schlimm, denn er möchte im Deutschen nun statt "kaff-fee-trink-ken" "kaa-fee-trin-kenn" genannt werden und das ist ohne Kenntnis des O-Tons einfach bescheuert).
Ein Stück Weltliteratur wird uns hingegen jährlich in 108 verschiedenen Darreichungsformen präsentiert: Charles Dickens' "A Christmas Carol". Und ganz ehrlich: ich kann das Ding nicht mehr sehen und alles, was ich letztes Jahr dachte, als nun die animierte 3D-Fassung im Stil von "Der Polarexpress" und "Beowulf" in Kino kam, war: Bitte, nicht schon wieder. Wie oft denn noch? Okay, die Muppets-Version war immer ganz nett, weil sie sich auch nicht zu ernst genommen hat. "Die Geister, die ich rief" kann auch Bill Murray nicht wirklich rausreißen... die Story zu modernisieren ist ja eine nette Idee, aber diese ganzen auf eklig und schaurig getrimmten Geister passen für mich nicht so recht ins Bild. Mal ganz abgesehen davon, dass ich nicht begreife, warum man diese Story auf über 100 Minuten auswalzen muss. Ganz nett war es ja immer, wenn Sitcoms oder Trickserien die Geschichte als Weihnachtsspecial aufgearbeitet haben, weil da die Charakterkonsteallationen und der satirisch-parodistische Unterton der Sache einen gewissen Pfiff gaben, aber das ist kein Grund alle zwei Jahre noch eine Verfilmung auf den Markt zu schmeißen. Bitte, bitte, bitte, liebe Leutchen in Hollywood, denkt euch zu Weihnachten mal was neues aus, denn wenn ich noch eine Adaption der Christmas Carol, noch einen Film mit sprechenden Rentieren oder irgendetwas über einen Santa Claus sehe, der plötzlich mit der Realität und/oder mit einem Kind im Scheidungskrieg der Eltern konfrontiert wird , schrei ich. Ehrlich: Ich kann den Käse nicht mehr sehen!!! So, das musste mal gesagt werden. Was kommt denn noch an Weihnachten?
Klar, "Stirb Langsam"! Der Film spielt zugegeben an Weihnachten, aber das tut "Psycho" auch (also fast - im Advent zumindest) - ist "Psycho" deshalb ein Weihnachtsfilm? Nein, denn "Psycho" guckt man natürlich am Muttertag. Aber wenn der Papst sirbt oder Jesu Geburt gefeiert wird (die im Übrigen NICHT am 25.12. war), muss Pro7 bzw. Sat.1 einfach "Stirb langsam" zeigen. Ich weiß: letztes Jahr kam er nicht und da war ich persönlich richtig geschockt, weil ich gar nicht mehr wusste, was los war und schon alle Geschenke wieder einpacken wollte... apropos: Bei wem sind die amazon-Bestellungen von letzter Woche auch noch nicht da? Nur mal so eine Frage ganz am Rande.
Wirklich jedes Jahr vorgesetzt bekommt man auch den dritten Teil der National Lampoon’s-Reihe um Familie Griswold: "Schöne Bescherung". Ganz ehrlich: Ich kann mit dieser Art von Humor nichts anfangen und werde es wohl auch nie können. Okay, die Nummer mit der Weihnachtsbeleuchtung ist zurecht Kult geworden, aber ansonsten sind mir die Gags zu klamaukig, überzogen und prollig. Dann schon lieber "Weihnachten bei Hoppenstedts". Das ist mehr meine Abteilung und deshalb sage ich jetzt erstmal ein Gedicht auf:
"Zicke-zacke
Hühnerkacke!"
Allein Opa Hoppenstedt im Spielwarenladen ist einfach zu göttlich:
OPA HOPPENSTEDT: Haben Sie Spielzeug für mein Enkelkind zu Weihnachten?
VERKÄUFERIN: Und was darf es da sein?
OPA HOPPENSTEDT: Es muss ein bisschen was *mmhmm*
VERKÄUFERIN: Wie alt ist denn das Kind?
OPA HOPPENSTEDT hält die Hand waagerecht auf Bauchhöhe: Ungefähr so.
VERKÄUFERIN: Ein Junge oder Mädchen?
OPA HOPPENSTEDT: Tja?!
VERKÄUFERIN: Na, Sie werden doch wohl wissen, ob Ihr Enkelkind ein Junge oder ein Mädchen ist.
OPA HOPPENSTEDT: Wieso?
VERKÄUFERIN: Wie heißt denn das Kleine?
OPA HOPPENSTEDT: Hoppenstedt. Wir heißen alle Hoppenstedt.
VERKÄUFERIN: Und mit Vornamen?
OPA HOPPENSTEDT: Dicki. Dicki Hoppenstedt.
VERKÄUFERIN: Und es...ääh... es ist ein Mädchen?
OPA HOPPENSTEDT: Nee.
VERKÄUFERIN: Also ein Junge.
OPA HOPPENSTEDT: Nee, nee, nee, nee, nee.
VERKÄUFERIN: Ja, was denn nun?
OPA HOPPENSTEDT: So genau kann ich das nicht sagen.
VERKÄUFERIN: Wie ist es denn angezogen?
OPA HOPPENSTEDT: Hosen, blaue Hosen.
VERKÄUFERIN: Na, vielleicht haben Sie es ja auch mal ohne Höschen gesehen.
neben Opa Hoppenstedt steht eine Kundin, die ein Holzspielzeug in der Hand hält und gerade einen Holzstift durch ein Loch schiebt.
OPA HOPPENSTEDT: Nein wozu denn? Er sieht zu der Kundin. Sagen Sie mal, was für ein Laden ist denn das hier eigentlich?
VERKÄUFERIN: Ich bitte Sie! zu ihrem Chef: Ich hatte den Herren nur gefragt, ob sein Enkelkind ein Junge oder ein Mädchen ist. Zu Opa Hoppenstedt: Wenn Ihr Enkelkind ein Zipfelchen hat, müsste man es ja....
OPA HOPPENSTEDT: 'Zipfelchen'?
VERKÄUFERIN: Mein Gott, dann hat es eben kein Zipfelchen.
OPA HOPPENSTEDT: Mein Enkelkind hat alles, was es braucht: gesunde Eltern, ein anständiges Zuhause und Zucht und Ordnung.
Ach ja, Loriot hat(te) es einfach drauf und das schon vor 30 Jahren. Absoluter Kult und geniale Parodie auf Konsumgesellschaft und deutsche Weihnachtsrieten. Meine Mutter muss sich jedes Jahr folgende Sätze mindestens einmal anhören: "Früher war mehr Lametta", "Oh, eine Krawatte!", "Dieses Jahr ist der Baum grün. Grün und umweltfreundlich." und "Jetzt sei doch mal ein bisschen gemütlich." Ich liebe es^^.
Kommen wir zum Abschluss noch kurz auf Weihnachtsspecials bekannter TV-Serien zu sprechen. Die legendären Weihnachtsbeleuchtungs- und -dekorationswettkämpfe zwischen Tim Taylor und Doc Johnson in "Hör mal wer da hämmert" sprach ich ja schon an. Mein Favorit unter den Christmas-Specials ist aber das aus der ersten Staffel von "The Big Bang Theory", denn wiedereinmal entdecke ich gewisse Parallelen zwischen Sheldon und mir, da auch ich immer wieder dazu neige, den Leuten die Saturnalien... ähm das Weihnachtsfest durch Klugscheisserei mies zu machen^^. Aber auch die "Simpsons" warten ja jede Staffel mit einer Weihnachtsfolge auf und begannen sogar mit einem Christmas-Special, denn die ursprünglich als Pausenfüller angesetzten Figuren machten ihren Sprung auf eine 20minütige Episode mit einer Sonderausgabe zu Weihnachten. In späteren Folgen werden dann auch immer wieder mal kritischere Töne angeschlagen und man prangert Konsumterror und bestimmte amoralische Verhaltensweisen an - etwa: Geschenke abfackeln und allen erzählen, sie wären geklaut worden ODER sich die Geschenke tatsächlich selbst klauen... beides ging natürlich auf Barts Kappe. Bei "[scrubs]" fallen mir zuerst Dr. Cox als Grinch und das Weihnachtswunder im Park ein. Ach, und nicht zu vergessen der Hausmeister, der J.D, schon in seinem ersten Jahr ermahnte, er solle ihm nicht WIEDER das Weihnachtsfest ruinieren. Apropos Grinch... da fällt mir noch "How I met your Mother" ein, denn Lilly entpuppte sich ja als echter "Grinch", aber Ted hatte nicht wirklich "Grinch" gesagt.
So, ich mal mich jetzt grün an und geh Weihnachten klauen... bis dann und frohe Saturnalien, Hogswatch oder was auch immer ihr feiert.

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Adventskalender - 17. Dezember: Noch mehr fantastisches

Nicht jeder Film kann seinen eigenen Tag bekommen, doch als großer Fantasy-Fan komm ich nicht umhin ein paar Charakteren aus den verschiedensten Bereichen des fantastischen Films einen Platz in unserer South-Park-Ruhmeshalle zu gönnen.

"Ich? Ich habe so viele Namen. Alte Namen, die nur der Wind und die Bäume kennen. Ich bin der Wald, der Berg und Erde. Und ich bin ein PAN."


Pale Man (auch aus "Pans Labyrinth - wie Pan darüber auch ;-) )


Leslie Burke (Brücke nach Terabithia)


Jesse Aarons (Brücke nach Terabithia)


"Ohne mein wunderbares Handtuch gehe ich nirgendwo hin." (Arthur Dent - den Film kennt ihr wohl auch so^^)


"Ich habe mit dem Bordcomputer gesprochen - er hasst mich!" (Marvin)


Lyra Belacqua mit Pantalaimon und Iorek (Der Goldene Kompass)


Tristan Thorn (Der Sternwanderer)


Yvaine (Der Sternwanderer)


Aslan - wer sonst?^^


Wo Aslan ist, ist auch Jadis nicht weit


Horrorlegenden I.: Frankensteins Monster


Horrorlegenden II.: Graf Dracula


Horrorlegenden III.: Graf Orlock (Nosferatu)


Horrorlegenden IV.: Edward Cullen.... ach, nein, Blödsinn. Der ist zwar Horror, aber keine Legende ;-)


Jared (Reise ins Labyrinth)

Montag, 20. Dezember 2010

"Give me something to sing about"

Da ich aber nun vor kurzem mal wieder "Moulin Rouge!" geguckt hab, dachte ich mir: Geh' ich doch mal ein Thema an, das man meist doch eher der weiblichen Fraktion unter den Cineasten zuordnen würde: Das Musical. Nun gibt es wahrlich viel kitschigen Blödsinn, doch mit dem will ich mich nicht rumschlagen. Natürlich geht es um Musicals oder Song-Einlagen, die endweder rocken, eher satirisch zu verstehen sind oder aber den Grundgedanken des Epischen Theaters folgen. Ja, ob man es glaubt oder nicht: es gibt "coole" Musicals.


Da ich es schon angesprochen habe, beginnen wir mal mit "Moulin Rouge!". In meinen Augen handelt es sich hier um einen sehr unterschätzten Film, denn er ist sowohl als Musical als auch als Liebesfilm eher untypisch. Zeitweilig hat man das Gefühl, man sehe eine Komödie, doch dann stürzt die Handlung in die nächste Tragödie hinein. Aber werfen wir zunächst einen Blick auf die Handlung, ehe ich mir das Musical-Konzept vornehme: Der junge Autor Christian (Ewan "Obi-Wan" McGregor) sitzt alleine in seiner Wohnung im Montmartre, betrunken, ungewaschen und mit einem Bart, der schon vorausdeuten könnte, wie er ein Jahr später in "Episode II" wird - beide Filme wurden übrigens im selben Studio gedreht. Christian setzt sich an seine Schreibmaschine, um seine Geschichte aufzuschreiben: "The greatest thing you'll ever learn, is just to love and be loved in return - The Moulin Rouge. A night club, a dance hall and a bordello. Ruled over by Harold Zidler. A kingdom of night time pleasures. Where the rich and powerful came to play with the young and beautiful creatures of the underworld. The most beautiful of these was the one I loved. Satine. A courtesan. She sold her love to men. They called her the 'Sparkling Diamond', and she was the star... of the Moulin Rouge. The woman I loved is... dead. " ("Das Größte, was du je im Leben lernen wirst, ist zu lieben und wider geliebt zu werden - Das Moulin Rouge: Ein Nachtclub, ein Tanzsaal und ein Bordell; beherrscht von Harold Zidler. Ein Königreich der nächtlichen Freuden, wo sich die Reichen und Mächtigen mit den jungen und schönen Kreaturen der Unterwelt vergnügen. Die Schönste von ihnen war die Frau, die ich liebte: Satine. Eine Kurtisane. Sie verkaufte ihre Liebe an Männer. Sie nannten sie den 'Funkelnden Diamanten' und sie war der Star... des Moulin Rouge. Die Frau, die ich liebte, ist tot.")
Wir schreiben das Jahr 1899 und Christian ist gerade aus England in Paris angekommen, um den Geist der Revolution im Künstlerviertel Mortmartre hautnah mitzuerleben und um von der Liebe zu schreiben. Leider war er noch nie verliebt und so kommt es ihm zupass, dass ein bewusstloser Argentinier durch seine Zimmerdecke kracht - dicht gefolgt von einem Zwerg, der wie eine Nonne gekleidet ist. Ehe Christian sich versieht ist er der Autor eines Stückes für das Moulin Rouge und sitzt mit Satine (Nicole Kidman) im Elefanten (ein besonders exquisites, ausgelagertes Quartier im Moulin Rouge). Satine - auch als der "Sparkling Diamond" bekannt - ist soetwas wie die Vorzeigekurtisane von Varietebesitzer Zidler (Jim Broadbent). Satine hält Christian jedoch für den Duke (Richard Roxburgh), einen reichen Investor, den sie verführen soll. Es kommt, wie es kommen muss: Satine verliebt sich in Christian und er natürlich auch in sie. Doch sie kann es sich nicht leisten, ihn zu lieben. Vor den Augen des Duke beginnen sie heimlich eine Affäre, während Christian das Stück schreibt, das vom Duke finanziert wird und Satine zum Durchbruch verhelfen soll. Da der Plot des Stücks von Christian mehr aus der Not geboren wurde, spiegelt er die reale Situation zwischen Christian, Satine und dem Duke wider, wenn auch nach Indien verlagert.

Obwohl der Film am Ende des 19. Jahrhunderts spielt, sind die Songs zu einem sehr großen Teil populäre Rock- und Pop-Songs, die sehr geschickt in die Handlung eingewoben werden und sich oft auch zu ganz neuen musikalischen Kunstwerken zusammenfinden:

Besonders durchgeknallt ist die erste richtige Szene im Moulin Rouge selbst, denn nicht nur, dass Kylie Minogue (ja, sie ist es wirklich) mit Ozzy Osbournes Stimme schreit, ehe wir unter die Rote Windmühle abtauchen, nein, man lässt auch mal kurzerhand "Lady Marmalade" auf Nirvana treffen:

Eine weitere Besonderheit von "Moulin Rouge!" liegt darin, dass viele Musical-Einlagen durch das Setting fester Bestandteil der Handlung sind, denn es spielt sich halt im Showbuissness der Pariser Unterwelt ab. So trägt die gerade gezeigte Szene nicht wie sonst oft üblich losgelöst von der Handlung ab, sondern gehört dazu. Im Showdown wird das dann auf die Spitze getrieben, da ich aber leider keine vollständige Version des Finales finde, müsst ihr euch mal hiermit zufrieden geben:

Leider fehlt da die sehr dramatische Szene, in der Christian mit Satine plötzlich auf der Bühne steht, weil das Tor vom Palast (durch das im Ausschnitt auch der Argentinier kommt) aufgeht, während sie sich dahinter streiten. Christian zerrt Satine auf die Bühne und wirft sie zu Boden. Er blickt zum Duke, der im Publikum sitzt und ruft ihm zu: "This woman is yours now" ("Diese Frau gehört nun Euch.") - er wirft ein Bündel Geldscheine, für das er seine Schreibmaschine versetzt hat, vor Satine und erklärt: "I've paid my whore!" ("Ich habe meine Hure bezahlt!")
Der letzte Ausschnitt, den ich einbinden möchte, ist meine persönliche Lieblingspassage. Allein der Gegensatz zwischen den beiden Schauplätzen, der hier aufgebaut wird, ist einfach grandios. Auf der einen Seite haben wir die kalte, in blaues Licht getauchte Wohnung des Duke - hier geht es nur ums Geschäft, Gefühle haben hier keinen Platz und erst gegen Ende, auf dem Balkon, sticht der rote Lippenstift Satines hervor und wir sehen die Blätter der Roten Windmühle im Hintergrund. Auf der anderen Seite ist das Moulin Rouge: heruntergekommen, aber voller Leben und Emotionen. Christains Reich wird in rotes Licht getaucht, denn hier steht die Liebe im Vordergrund... und die Erotik - zugegeben. Als Christian auf die Straße geht und kurz davor steht, Satine zu erblicken, mischt sich aber auch Blau in das Licht der Scheinwerfer. Und zu der Musik muss man nichts sagen, denn in dieser Szene stimmt einfach alles.



Soviel zu "Moulin Rouge!" - ein anderes noch recht junges Filmmusical, das zu meinen absoluten Lieblingsfilmen zählt, ist "Sweeney Todd - the Demon Barber of Fleet Street" von Tim Burton und Stephen Sondheim. Der erste große Unterschied zu anderen Musicalverfilmungen, den Sondheim selbst sehr lobend an Burtons Adaption hervorhob, liegt in der Inszenierung: Burton macht keine Verfilumng des Musicals und gut, sondern schöpft all die Möglichkeiten, die einem das Medium Film bietet, aus und kreiert so auf der Grundlage von Sondheims Musical ein ganz eigenes Kunstwerk, das das Original nicht einmal verändert, sondern weiterentwickelt. Die Kombination von Musik und Bildsprache ist wie bei "Moulin Rouge!" schlichtweg überwältigend. Aber auch die Vorlage selbst bricht schon mit nahezu allen Musical-Klischees und besinnt sich vielmehr auf die Ursprünge des Musicals zurück. Die düstere und oft nicht sehr melodische Musik erinnert ebenso wie die durch und durch egoistischen, amoralischen Charaktere mehr an Brechts "Die Dreigroschenoper" als an Andrew Lloyd Webber. Die Musik ist hier wie im Epischen Theater ein Mittel zur Entfremdung und Unterbrechung der Handlung. Und die Charaktere? Benjamin Barker/Sweeney Todd (Johnny Depp) ist ein rachsüchtiger Barbier, der zum Serienkiller wird. Er findet eine Komplizin in Mrs. Lovett (Burtons Frau Helena Bonham Carter), die Todds Opfer zu Fleischpasteten verarbeitet und so wieder Gäste in ihr Restaurant lockt. Ganz abgesehen davon ist sie - wie wir erst durch einen Song erfahren - in Todd verliebt und versucht daher, ihn an sich zu binden. Dabei manipuliert sie ihn und quatscht ihn so immer tiefer in sein blutiges Verderben. Dann wäre da noch Richter Turpin (Alan Rickman), der Barker zu Unrecht zu lebenslanger Verbannung verurteilte, um sich an dessen Frau heran machen zu können. Sein Gehilfe Beadle Bamford (Timothy Spall - und glaubt bloß nicht, das wäre der letzte aus dem Harry Potter-Cast, der hier mitspielt) ist ein korrupter, durchtriebener Speichellecker. Todds Konkurrent und einstiger Lehrling Pirelli (Sacha Baron "Borat" Cohen) ist ein Hochstapler und Aufschneider, der Todd erpressen will. Und auch der ach so idealistische Anthony (Jamie Campbell "Grindelwald" Bower), der Junge Toby (Ed Sanders) und Barkers Tochter Johanna (Jayne Wisener), die von Turpin adoptiert wurde, sind letztlich stets nur auf ihren eigenen Vorteil aus. Mit wem von denen würde man sich identifizieren wollen? Richtig: Mit keinem. Ihr seht also: "Sweeney Todd - the Demon Barber of Fleet Street" ist zwar kein Musical im klassischen, aber dafür im mehr als traditionellen Sinne ;-)
Ich habe lange überlegt, ob ich auch hier einen Ausschnitt raussuchen soll. Dann dachte ich: Warum nicht mal ein Vergleich zwischen Film und Aufführung? ich habe mich hierzu für den wohl bekanntesten Titel "Epiphany" entschieden:

und nun zum Vergleich mal das Theater:



Aber es muss ja nicht immer das reine Musical sein. Es gibt etliche Filme mit Gesangseinlagen. Gerade Tim Burton hat dafür ja generell eine Schwäche. Insbesondere die klassischen Disneyfilme warten oft mit Gesangseinlagen auf, doch nur wenige davon sind wirklich außergewöhnlich und bleiben dauerhaft im Gedächtnis. Klar, an die Songs aus "Das Dschungelbuch" kann sich jeder von uns bestens erinnern, aber zumindest bei mir wird's danach schon eng... . Aus den Disneyfilmen fällt einer aber wahrlich inhaltlich wie musikalisch heraus, weil er auf sehr düstere Klänge setzt, die zu dem selbst in der weichgespülten Disney-Version noch immer bedrückenden Stoff passen:

Da ist nix mehr mit "Ruhe und Gemütlichkeit". Auch wenn ich als Kind sowohl mit Gesangseinlagen in Filmen als auch mit diesem Film im Speziellen so meine Schwierigkeiten hatte, muss ich heute sagen: Man mag darüber streiten, ob dieser Romanstoff sich für einen Disneyfilm eignet, aber die Musik hat schon einen gewissen Charme und gerade im Fall von "Hellfire" muss man sagen, dass die ganze Szene ausgesprochen hintergründig, ausgeklügelt und mit jeder Menge Subtext versehen ist. Sonst traut Disney sich ja eher selten, in den Kinofilmen derartige Bildsprache so offensichtlich einzustezen. Im "König der Löwen" haben sie es sich auch getraut, doch hier ist der Subtext nur mit dem nötigen Vorwissen erschließbar:

Den Bezug zum Dritten Reich oder Militärdiktaturen unserer Tage, erkennt man nur, wenn man weiß, was es damit auf sich hat. Ich muss auch ganz ehrlich gestehen, dass ich zu den wenigen Menschen zähle, die dem "König der Löwen" nicht sehr viel abgewinnen können. Scar und die Hyänen besitzen einen gewissen, diabolischen Charme, doch die anderen Charaktere gingen mir ab einem gewissen Alter nur noch auf den Keks. Und ob es nun so klug ist, solche Anspielungen als Subtext in einen Film zu stecken, der in erster Linie für ein jüngeres Publikum gedacht ist, halte ich zumindest für fragwürdig. Allein schon weil Scar einem, obwohl er der Böse ist, doch irgendwie ganz sympathisch ist: er hat Charme, einen herrlich sarkastischen Humor und seine Motive sind bis zu einem gewissen Punkt durchaus nachvollziehbar. Sollte man also so einen Subtext einer Figur und einem Song mitgeben, der bei einem jüngeren Publikum eher Begeisterung oder zumindest Sympathie auslösen dürfte? Selbst Geschlechterdiskriminierung und Krieg klingen von Disney irgendwie heroisch und spaßig:

Zugegeben: Der Song ist eingängig und das Ende reißt es irgendwie noch raus, aber etwas komisch ist die Szene schon, wenn man mal so darüber nachdenkt, eben weil der Song so eingängig ist. Ich weiß immer nicht, ob Kinder das so recht auseinanderhalten können. Wobei ich bei vielen Trickfilmen gerade in Deutschland eh' immer so das Problem habe, dass Erwachsene da oft nicht richtig nachdenken. Sich über Killerspiele aufregen, aber den Sechsjährigen "Watership Down" vorsetzen... ich weiß nicht.

Mel Brooks ging Hitler auf andere Weise musikalisch an und ruft dadurch bei vielen Empörung wach - bei mir allerdings große Belustigung. Überhaupt werde ich nie so ganz begreifen, warum man ständig zu hören bekommt: "Über Hitler lacht man nicht!" Warum? Warum sollte diese massenmordende Witzfigur von unserem Spott verschont bleiben? Wieso bekommt der ein Sonderrecht eingeräumt, das wir unseren heutigen Politikern nicht mal im Traum zugestehen würden? Wenn es doch einer verdient hat, das man über ihn lacht, dann doch wohl dieses größte Arschloch der Menschheitsgeschichte. Vor allem: Ich glaube, dass Hitler unter Spott weit mehr gelitten hätte, als darunter, als der schlimmste Diktator aller Zeiten zu gelten.
Nun aber zurück zu Mel Brooks und seinem Meisterwerk "Frühling für Hitler", in dem zwei Broadway-Produzenten (daher auch der Originaltitel des Films: "The Producers") die Produktionsgelder abgreifen wollen, indem sie einen garantierten Flopp produzieren: Ein Musical über Adolf Hitler.

Die Szene deutet es schon an: Das Publikum hält das Musical für Satire und es wird ein voller Erfolg. Überhaupt liebt es Mel Brooks aber, düstere Epochen der Menschheitsgeschichte musikalisch durch den Kakao zu ziehen. Hier noch ein sehr schönes Beispiel, das eigentlich noch härter an die Grenzen des guten Geschmacks geht und dem Zuschauer ein enormes Maß an Humor abverlangt:


Bevor jetzt jemand darauf wartet, dass ich noch auf die "Rocky Horror Picture Show" zu sprechen komme: Was soll man dazu noch sagen? Der Film ist so trashig, dass er schon wieder Kult ist und das Musical eben auch. Über einen solchen Kultfilm noch große Worte zu verlieren, scheint mir aber doch eher überflüssig, zumal ich persönlich dem Film auch sehr gespalten gegenüberstehe. Bestimmte Aspekte finde ich wirklich witzig und clever, doch mit Filmen und Serien, in denen Sex stets im Vordergrund steht, werde ich mich nie so recht anfreunden können, fürchte ich. Zu der Zeit, als der Film entstand, war man zwar noch nicht so überfrachtet mit dieser Thematik, weshalb ich es da noch gut heißen kann, aber mittlerweile habe ich, wann immer ich eine Sitcom oder eine Komödie sehe, in denen ein Großteil der Gags irgendeinen Bezug zur Sexualität hat, das Gefühl, da waren entweder einfallslose oder pubertierende Autoren am Werk... vermutlich beides. Wo wir nun aber schon bei Serien sind, mache ich da auch mal gleich weiter:

Gerade in Sitcoms und anderen Comedy-Formaten sind Gesangseinlagen keine Seltenheit, doch eine Gesangseinlage macht noch kein Musical, weshalb ich dieses Fass ohne Boden an dieser Stelle lieber gar nicht erst aufmache. Wenn Veronica Mars in "Clash of the Tritons" "One way or Another" singt, ist das zwar äußerst unterhaltsam, aber mehr erstmal auch nicht. Das Gleiche gilt für die zahlreichen Gesangseinlagen bei den Simpsons, von denen einige gebündelt in einer Clip-Show-Folge thematisch zusammengefasst wurden. Ein paar Mal parodierte eine einzelne Simpsonsfolge auch mal ein bekanntes Musical oder kreierte gleich selbst eines als Element der Handlung - wir erinnern uns alle noch bestens an das "Planet der Affen"-Musical mit dem Smash-Hit "Dr. Zaius. Dr. Zaius" ;-).
Aber drei Serien (zumindest von den mir bekannten) haben es geschafft, eine komplette Musical-Episode so zu kreieren, dass sie innerhalb der Serienhandlung funktionierte und trotz viel Selbstironie nie lächerlich wirkte. Allen voran natürlich "Once more with Feeling" aus "Buffy - the Vampire Slayer" (Folge 6.7). Dieses ambitionierte Experiment ist mittlerweile absoluter TV-Kult und wer bei YouTube etwas rumsucht findet sogar sehr schnell Cover-Versionen der Songs von Schulaufführungen oder Theatergruppen. Die Anzahl der Parodien und selbstgemachten Musikvideos ist riesig und soweit ich weiß, ist "Once More with Feeling" die einzige Folge einer TV-Serie, die je einzeln auf DVD veröffentlicht wurde - vom Soundtrack auf CD mal ganz abgesehen. Wer die Folge wirklich nicht kennt, sollte das nachholen, aber dennoch ein kurzer Handlungsabriss: In Sunnydale taucht ein Dämon auf, dessen Gegenwart die Menschen (aber auch andere Dämonen und Vampire) dazu zwingt, ihren Gefühlen in Gesang und Tanz Ausdruck zu verleihen, was zu einigen sehr lustigen, aber auch unangenehmen Situationen führt. Besonders deutlich wird dies beim Song "I'll never Tell", denn Anya und Xander, die kurz vor ihrer Hochzeit stehen, sehen sich plötzlich gezwungen, einige unangenehme Dinge zu offenbaren:

Aber auch Spike hat so seine Probleme, doch beim ihm rockt das Ganze weit mehr:

Im Finale wird der Zwang gewisse Wahrheiten zu offenbaren, jedoch relevant für die weiterführende Handlung. Buffy wurde von ihren Freunden ins Leben zurückgeholt. Xander, Willow und Co denken, sie hätten Buffy damit aus einer Hölendimension befreit, doch war Buffy an einem Ort des vollkommenen Friedens und so empfindet sie unsere Welt nun als die wahre Hölle. Das kann sie aber keinem anvertrauen... bis sie dazu gezwungen wird:


Hier gelang der Kunstgriff in eine sonst zwar mit viel Situationskomik gespickte, aber dennoch ernste Serie eine Musicalfolge zu integrieren, die zwar lustig, aber keineswegs lächerlich und bis auf "Under your Spell" auch nicht sonderlich kitschig ist.

Was in diesem Artikel natürlich nicht fehlen darf, ist "[scrubs] - My Musical". Auch hier suchte man sich eine passende Erklärung für die Song-Einlagen, die sogar medizinisch fundiert ist (so einen Fall gab es wirklich mal): eine Patientin hat ein Gehirnaneurysma, wegen dem sie alles, was um sie herum gesagt wird, als Gesang wahrnimmt. Okay, wie nun die Tanzeinlagen da reinpassen, sei mal dahingestellt, aber notfalls begründet man es damit, dass sie zu den akustischen noch ein paar visuelle Wahrnehmungsstörungen hat. Und auch hier darf ein kurzer Auszug nicht fehlen, obwohl ich glaube, dass die meisten hier die Folge bestens kennen.


Aber noch eine Sitcom brachte eine Musicalfolge hervor: "Die wilden Siebziger". Und hier schließt sich nun der Kreis zu "Moulin Rouge!", denn auch die Macher von "Die wilden Siebziger" bauten bekannte Songs in die Handlung, die sich wiederum selbst um eine Musicalaufführung dreht, ein - natürlich Songs aus den Siebzigern und mit denen beende ich nun auch diesen kleinen Exkurs in eine Welt, mit der ich früher auch nichts anfangen konnte, aber wie eingangs gesagt, sind die hier aufgeführten Beispiele mehr die positiven Ausnahmen von der allzuoft zutreffenden Regel, dass Gesangseinlagen in Film und Fernsehen meist eher zu Fremdschämen oder bloßem Entsetzen führen.