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Sonntag, 13. Februar 2011

Aus aktuellem Anlass: Ich bastel mir ein Event-Movie

Ja, ja... unsere Privatsender und ihre Super-Duper-Mega-Event-Event-Mega-Blockbuster-Super-Event-Movies in einer Deutschlandweiten Weltpremiere... es geht natürlich um die Hindenburg - mit Reiner Calmund in der Rolle der Hindenburg und Veronica Ferres als Ankermast. Ihr merkt schon: Das ist jetzt alles andere als eine ernstgemeinte Rezension, sondern vielmehr ein satirischer Kommentar, dessen Komik durchaus beabsichtigt ist, was man von "Hindenburg" nicht behaupten kann, denn der Film besaß doch mehr unfreiwillige Komik.
Ich kann mir das so richtig vorstellen, wie die Programmplaner von RTL da zusammengesessen haben und sich dachten:
"Wir müssten sowas wie 'Titanic' machen, aber halt in der Luft."
Irgendeiner schrie dann noch:
"Und was mit Nazis, denn ein deutscher Historienfilm braucht seine Nazis." - "Vielleicht sollte auch was explodieren... ?"

"Titanic" in der Luft, Nazis und eine Explosion? Das sind ja gleich drei Dinge aufeinmal.

Also, musste ein großes, graues Überraschungsei her: Die Hindenburg. Tja, und da RTL es von DSDS und Suppentalent gewohnt ist, das Highlight schon ganz zu Anfang anzuteasen und erst am Ende der nächsten Ausgabe zu bringen, beginnt der Film auch mit dem brennenden Zeppelin. Das ist auch sinnvoll, weil der durchschnittliche RTL-Zuschauer von dem Luftschiff und dessen Abgesang vermutlich noch nie was gehört hat und er sich dem Rest des Publikums nicht unterlegen fühlen soll. Ganz abgesehen davon ist der Trend mit den Rückblenden sieben Jahre nach der ersten Lost-Folge nun endlich auch im deutschen Fernsehen angekommen. Wir machen daher einen Sprung zurück in die Exposition, in der uns die Charaktere vorgestellt werden, ehe man geschlagene zweieinhalb Stunden hektisch durch dieses aufgeblasene Stahlungetüm hetzt. Also, was sind nun die Zutaten für die völlig (Achtung! Ganz schlimmes Wortspiel) aus der Luft gegriffene (sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt) Handlung , die man um diese Luftfahrtkatastrophe spinnt?
Klar, wer "Titanic" in der Luft machen will, braucht erstmal einen Typ aus der Unterschicht und eine Frau aus der Oberschicht, die schon anderwärtig versprochen ist, als Liebespaar. Um Schauspieler zu sparen, ist der Knilch, Merten (geiler Name.. warum nicht gleich Kevin oder Torben?), gleichzeitig der Konstrukteur von der fliegenden Riesenzigarre und sie, Jennifer, die Tochter eines amerikanischen Großunternehmers, der den Zeppelin-Heinis gerne Helium verkaufen würde, wenn da nicht dieses böse Embargo wäre, das ihn im übrigen auch daran hindert Göring sein schönes Tetraethylblei zu verkaufen.
Nun trägt diese mit einer ganz zufälligen Begegnung (er stürzt bei seinem ersten Flugversuch mit einem kleinen Gleitflugzeug in genau dem Tümpel ab, an dem sie gerade rumsitzt) eingeleitete Leibesgeschichte nicht für drei Stunden Event-Movie, also benötigen wir noch etwas, das ordentlich Zündstoff bietet...
"Wie wäre es mit...öhm... einer Bombe? Das Ding fliegt so oder so in die Luft, da kann man auch noch was mit einer Bombe an Bord einbauen."
Soweit so gut, das reicht für die Rahmenhandlung. Kommen wir nun zum weiteren Ensemble. Wir brauchen:
- Juden
- einen Schwulen oder zumindest einen, der einer sein könnte
- ein Tier, am besten einen Hund
- einen Zyniker, der alle an Bord durchschaut
- Kinder (ein Junge, ein Mädchen)
- Nazis
- geldgierige, schmierige Geschäftsleute, die hinter dem Komplott mit der Bombe stecken
- deren Helfer
- eine zebrochene Männerfreundschaft
"Kein Problem: Wir nehmen eine jüdische Familie und einen zynischen Transvestiten mit 'nem deutschen Schäferhund. Hat Hannes Janicke Zeit?" - "Ich glaube nicht, dass der einen Schäferhund spielen will." - "Ja, aber die Transe!"
Genau: Wir stecken Jaenicke in einen weißen Designeranzug, verpassen ihm Augen wie Richard Alpert und lassen ihn am Zoll bei der Kofferkontrolle sagen, dass er die Perücke und das Abendkleid für seine "Show" braucht. Es kommt noch besser: Zu der Show gehört natürlich auch der Hund! Und weil Kinder Hunde mögen, kommt die Transe vor der Abreise mit dem Mädchen aus der jüdischen Familie ins Gespräch, von der man natürlich trotz den bedeutungsschwangeren Blicken, dem Getuschel und der Angst in der Nähe von Wehrmachtsoffizieren, zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen kann, dass sie jüdisch ist. Die Kinder wissen es sogar selbst nicht, weshalb der Junge während der gesamten Fahrt auch die Nazis mit seiner Frage "Wären Sie lieber ein Zeppelin oder eine Messerschidt?" nervt. Der Hund muss in der Szene mit dem Mädchen natürlich noch irgendwas machen....
"Wie wäre es mit einem Hitlergruß?" - "Das ist super! Die Transe sagt dem Mädchen, es soll Zeige- und Mittelfinger zwischen Oberlippe und Nase legen, woraufhin der Köter das Pfötchen hebt. Das find ich toll! Das find ich toll! Das find ich toll!"
Da hat man auch gleich wieder ein bissel was mit Nazis drin, womit wir schon beim nächsten Stereotyp wären.
"Wir brauchen böse Nazis und ganz böse Nazis.... okay, Kretschmann war schon früher nicht für Nebenrollen in TV-Produktionen zu haben und den Waltz können wir uns seit seinem Oscar auch nicht mehr leisten...mmmmh... ." - "Udo Waltz hat einen Oscar?"
Wir nehmen mal Wotan Wilke Möhring (allein schon wegen diesem nordischen Vornamen) und stecken den in eine Luftwaffenuniform - da haben wir schonmal einen nicht ganz so bösen Nazi, der sich in die Jüdin verknallen könnte.
"Wer spielt die eigentlich?" - "Christiane Paul." - "Ist die nicht in New York Kuratorin? Steht bei Wikipedia."
Wenn sie ihn dann zurückweist, droht er die raffgierigen Juden (ach, wie schön, dass es Klischees gibt, die auch fast 70 Jahre nach Hitler noch funktionieren) zu verraten, wenn sie ihm nicht das ganze Geld, mit dem sie fliehen wollten, überlassen. Das Hängen an materiellen Gütern kostet am Ende sowohl den Offizier als auch den Jungen aus der jüdischen Familie sowie dessen Vater das Leben.
Aber wir brauchen auch böse Nazis in so schicken schwarzen SS-Uniformen. Apropos: Wo immer auf dem Bildschirm noch eine freie Stelle ist, muss ein Hakenkreuz hängen. Mal ehrlich, liebes RTL, so deplazierte Hakenkreuze sind sonst meist aufgesprüht. Eine feudale Einfahrt wird gezeigt und da hängt da einmal über den kompletten rechten Bildrand eine Hakenkreuzflagge. Keiner weiß, was die da soll, aber der Zuschauer schnallt sonst wohl nicht, dass wir uns im Dritten Reich befinden, oder was? Zum Gück moniert sich zumindest Heiner Lauterbach in einer seiner vier Szenen (solche "Hauptrollen" spielt sonst nur Christopher Lee) kurz über die Hakenkreuze an seiner schönen Hindenburg.
Ach, die SS ist natürlich Teil der Verschwörung von Göring und Van Zandt (so heißt der dicke, amerikanische Großunternehmer) und nennt sich je nachdem, was die Handlung gerade erfordert, auch schon mal Gestapo... merkt ja keiner. Und kommt mir jetzt nicht mit: Die SS-Offiziere, waren auch Offiziere der Gestapo - die wechseln ihre Funktion in dem Film so wild durcheinander, dass selbst der Führer nicht mehr durchgeblickt hätte.
Jetzt müssen wir nur noch einen blöden Vorwand finden, warum die Frau von Van Zandt, der zusammen mit ihr für die Bombenstimmung an Bord sorgen will, und ihre Tochter trotzdem mit der Hindenburg fliegen...
"Wie wäre es mit einem Schlaganfall? Herzinfarkt? Irgend sowas..."
Tolle Idee! Okay, dann alle Mann an Bord... ach, Moment! Der Dicke lässt seine Frau und Tochter doch nicht einfach so mitfliegen. Schnell Heiner Lauterbach angerufen, der dann dem Merten sagt, dass er die beiden davon abhalten soll, an Bord zu gehen. Nun quatscht Merten auf dem Klo mit seinem Nebenbuhler um Jennys Gunst, der blöderweise auch der Bombenleger ist. Kleine Randnotiz dazu: Ich fühlte mich sehr an "Fahrenheit 9/11" erinnert, als Jenny von der Flugsicherheit wegen der Gefahr des Funkenflugs ihr Feuerzeug abgenommen wird, der Typ aber die komplette Zigarrenkiste mitschleppen darf, in der im Übrigen das Dynamit für die Bombe versteckt ist. Später sehen wir Christiane Paul sogar an Bord in ihrem Zimmer eine Zigarette rauchen - nicht einmal im Raucherraum, wo die Zigarren im Humidor gelagert werden, sondern in ihrer Suite.
Zumindest fängt der Bombenleger eine Schlägerei an, bei der Merten ihn mit einer Fliese ersticht und dann vom Sterbenden von der Bombe erfährt, die natürlich trotzdem von irgendeinem Komparsen zusammengebaut wird... ist so eine Art Bombenbausatz von IKEA oder so. Merten brüllt die Leiche dann noch geschätzte 20 Mal an, wo denn die Bombe sei, während Hannes Jaenicke völlig unbemerkt in der einzigen von der Schlägerei verschonten Toilettenkabine rumsteht und alles beobachtet.
Als Merten blutend aus dem Klo taumelt, gerät er mit seiner trotz des in Schutt und Asche liegenden WCs völlig wahnwitzigen Notwehrstory ausgerechnet an einen in SS-Uniform rumlaufenden Gestapo-Offizier, der von der Bombe weiß. Jetzt muss Merten fliehen und wohin flieht man vor der SStapo in so einer Situation?
Klar: Auf die Hindenburg, weil die da ja keine Funkgeräte haben, mit denen man denen an Bord melden könnte, das ein gesuchter Mörder mitfliegt. Ach, die haben doch Funkgeräte? Ja, das ist dann natürlich dumm gelaufen... .
Jetzt kommt übrigens noch das mit der zerütteten Männerfreundschaft ins Spiel, denn am Boden und an Bord kloppt sich Ulrich Noethen als zum PR-Heini beförderter Luftschifffahrtspionier Kapitän Ernst A. Lehmann mit seinem Kollegen Max Pruss, dem Kapitän der Hindenburg. Kompetenzgerangel wie sonst nur zwischen Polizei und FBI in schlechtgeschriebenen US-Thrillern. An Lehmann zeigt sich aber sehr schön, dass RTL es mit der Historie selbst da, wo es irrelevant für die fiktive Handlung ist, nicht so genau nimmt: der echte Ernst Lehmann war als Beobachter an Bord und erlag seinen Verletzungen einen Tag nach dem Unglück im Krankenhaus. Im Film ist er an Bord, um dafür zu sorgen, dass die beiden Van Zandts vollauf zufrieden sind. Ferner setzt er Pruss immer wieder unter Druck, er solle schneller fliegen, wodurch er das Unglück letztlich mitverschuldet, wohingegen der historische Lehmann noch kurz vor seinem Tod sein Unverständniss bezüglich der Katastrophe äußerte. Im Film stirbt Lehmann bereits an Ort und Stelle: Er schafft es aus der Hindenburg, torkelt neben Pruss durch die Gegend, murmelt noch etwas von "der Junge" und kracht mit Lochfraßbrandwunden am ganzen Rücken nach vorne um wie ein gefällter Baum.
Also, wo waren wir? Ach, ja: Merten hat sich an Bord versteckt und konnte nicht verhindern, dass seine Jenny ebenfalls an Bord geht. Hannes Jaenicke, der seinen Hund schweren Herzens in den Frachtraum sperren lassen musste, lässt derweil in Harvey-Dent-Manier das Schicksal entscheiden: die Münze fällt gegen Hitler und für Hindenburg... es geht also aus wie bei der Wahl 1932.
Nun sind aber alle Passagiere (einer davon blind und einer eine Hündin) und Besatzungsmitglieder endlich an Bord und die Hindenburg fährt los. Im Übrigen bekommen wir von den 97 Personen an Bord (Merten nicht mitgezählt, denn der dürfte als fiktiver, blinder Passagier kaum in der historischen Statistik auftauchen) merkt man im Film jetzt nicht so wirklich was... selbst mit allen Statisten laufen da bestenfalls 30 Gestalten rum. Im großen Aufenthaltsraum scheinen sich prinzipiell nur Personen mit Sprechrollen und ein Tisch mit Statisten aufhalten zu dürfen.
Was dann während der Reise passiert, ist schnell erklärt: es wird gelaufen, gerannt, gequasselt, geprügelt, geklettert, spioniert und intrigiert was das Zeug hält. Hannes Jaenicke bzw. seine Figur Gilles Broca (der Name toppt sogar Merten Kröger) stellt einmal in einer netten Ansprache alle voreinander bloß und quatscht mit seiner hellseherischen Gabe, mit der er bei "The Next Uri Geller" selbst den angemalten Gockel von Vincent Raven ausgestochen hätte, sämtliche Geheimnisse aus - ein tuntiger, zynischer Deus Ex Machina irgendwo mitten im Film... Warum lassen die nicht gleich Christian Shephard aufmarschieren? Der konnte auch so gut mit Hunden... apropos: Wir sehen den Hund im Verlauf des Films noch dreimal:
Einmal im Frachtraum, in dem sich Hannes/Gilles rumtreibt, nachdem er ein junges Besatzungmitglied so lange bequatscht hat, bis er zu seiner schauspielerisch begabten Töle durfte. Dann rennt das Vieh nach dem Unglück völlig verrust zwischen den Krankenliegen rum - wie der Hund es geschafft hat aus seinem Käfig zu kommen und dann die Frachtraumtür zu öffnen, um rechtzeitig den brennenden Zeppelin zu verlassen, erfahren wir nicht. Aber egal wie der Stunt aussah: Da wäre selbst Kommisar Rex neidisch geworden. Und kurz vor Schluss kommt eine gänzlich zusammenhangslose Szene mit Jaenicke und dem Hund in der Maske irgendeines Theaters.
Zwischendurch werden dann noch ein paar Nebenhandlungsstränge aufgeworfen und nie zuende geführt:
Wir erfahren zum Beispiel nie, warum ein Besatzungsmitglied geheime Angriffspläne von Göring dabei hatte. Wir wissen nur, dass der Typ sie hat, Merten überlässt und der sie später gegen Jennys Leben eintauscht, denn die wird von den Ami-Nazis als Druckmittel gegen Merten und Van Zandt festgehalten... man hätte auch nach dem Absturz Schluss machen können, aber es waren halt noch 30 Minuten über, die man nicht auch noch mit Werbung füllen konnte, was aber vielleicht besser gewesen wäre. Zumindest gibt es später noch einen recht wirschen Epilog.
Dann wäre da noch ein Red Hering mit irgendwelchen Nüsschen. Jaenicke gibt dem jüdischen Mädchen seine Glückmünze. Die beiden Kapitäne haben sich von Jetzt auf Gleich plötzlich wieder lieb... und so weiter.
Die Bombe wird im Übrigen noch rechtzeitig von Merten entschärft, was ihm aber nicht viel nützt, weil das Luftschiff ja eh' in die Luft fliegt - an dieser Stelle dann Willkommen zurück in der Wortspiel-Hölle^^
Ja, der Brand schlägt dann am Ende wirklich alles. Merten ist natürlich am nächsten an der Stelle, wo der Brand ausbricht, schafft es aber als erster unversehrt von Bord, während sein Freund und Begleiter, die Flammen kommen sieht, sie anguckt, zu Merten guckt und dann restlos von den Flammen verschluckt wird, die danach zielsicher wie das Rauchmonster aus "Lost" auf Merten losgehen. Überhaupt: Außer Merten haut keiner, der die Flammen kommen sieht, ab. Die bleiben alle stehen und gucken in der Gegend rum, um dann einen möglichst theatralischen Tod zu sterben.
Apropos theatralischer Tod: Im Epilog erschießt Van Zandt erst den bösen Botschaftstypen, der Jenny entführt hat, und dann sich selbst. Man hört die Schüsse, alle gucken, Jenny schreit, Schnitt auf die Leichen.
Ihr merkt schon: Verworren und dennoch handlungsarm, weshalb ich als bekennender Cameron-Hasser fast dazu geneigt bin zu sagen: RTL hat sein Ziel, "Titanic" der Lüfte zu machen, eigentlich erreicht, aber das wäre dann doch etwas übertrieben, denn... so schlecht war der Film jetzt auch nicht. Da würde man "Hindenburg" wirklich Unrecht tun, wenn man ihn auf eine Stufe mit diesem auf Hochglanz polierten, cineastischen Sondermüll stellt ;-) Ach, wie ich mich jetzt schon auf die Hass-Mails freue^^.
Okay, jetzt wisst ihr alles über die Handlung, was sich zu wissen lohnt. Noch ein paar Worte zur Umsetzung:
Der Soundtrack ist... sagen wir mal suboptimal. Gerade in der ersten halben Stunde musste ich oft an "Der Tag des Falken" denken, nur mit dem Unterschied, dass man bei "Hindenburg" mit dieser Filmmusik aus der Hölle längst nicht so viel kaputt machen konnte wie man es einst bei diesem Klassiker getan hat, auch wenn der Falke in Wahrheit ein Bussard war.
Bei den Schauspielern muss ich gestehen: Auch wenn ich nicht verstehe, wie die sich dafür hergeben konnten, Hannes Jaenicke, Christiane Paul, Ulrich Noethen, Hinnerk Schönemann, Jürgen Schornagel und Wotan Wilke Möhring holen aus den recht platten Figuren raus, was möglich war. Lauren Lee Smith schafft es als weiblichen Hauptrolle auch ganz gut die Zerissenheit ihrer Figur glaubhaft darzustellen. Was den männlichen Hauptdarsteller Maximilian Simonischek angeht... Hatte Lothar Matthäus keine Zeit?
Kamera, Regie und Schnitt laufen nach dem etwas holprigen Anfang wirklich zu Form auf. Also, was die filmtechnischen Aspekte angeht ist der Film mehr als solide. Gerade die Großaufnahmen der Hindenburg, wenn die aus dem Hangar fährt, sind toll geworden. Im krassen Gegensatz zu diesen Großaufnahmen kann man durch die schmalen, langen Gangfluchten aber auch die fast klaustrophobische Enge des Passagierbereichs gut nachempfinden. Das Rumgekletter in den Mannschaftsbereichen und der Brand sind bis auf die erwähnten Todesszenen oder eigentlich gerade deswegen Hollywood-reif.
All das kann über das aufgeplusterte, aber letztlich sehr dünne Drehbuch nicht hinwegtäuschen. Wobei ich mit dem Drehbuchautor auch nicht hätte tauschen wollen, wenn RTL einen dreistündigen Event-Kracher um dieses tragische Ereignis gebastelt haben will. Der Film ist letztlich wie die Hindenburg selbst: dürres Gerippe mit viel heißer Luft (und ja, ich weiß, aber mit Wasserstoff funktioniert das Wortspiel nicht). Weniger wäre hier wahrlich mehr gewesen. Hätte RTL sich auf einen Teil beschränken können, hätte es dem Film mehr als gut getan.
Macht's beim nächsten Event-Film wie die Kollegen von Sat.1: Romanverfilmungen sind optimal für so Event-Mehrteiler - das wissen wir spätestens seit dem Seewolf ;-)

Samstag, 29. Januar 2011

We used to be friends a long time ago... - Kult-Serien I: Veronica Mars

ich weiß, die meisten hätten wohl eher "Lost" erwartet, aber zu "Lost" habe ich schon einen ganzen Blog gemacht und meinen Senf dazu abgegeben und deshalb ist jetzt zeit für meine drittliebste Serie und meine liebste von denen, die zu früh abgesetzt wurden. Zudem ist "Veronica Mars" noch immer mehr ein Geheimtipp, also...

Ausgangssituation:

Lilly Kane, die Tochter des Software-Magnaten Jake Kane, wurde ermordet neben dem Pool ihrer Familie aufgefunden. Sheriff Keith Mars verdächtig Lillys Vater und somit den angesehensten und mächtigsten Mann von Neptune, Kalifornien. Die Oberschicht Neptunes verdankt ihren Reichtum zu einem Großteil Jake Kane – durch die Entwicklung und Optimierung des Video-Streamings machte Kanes Firma vor einigen Jahren Milliardengewinne und jeder Mitarbeiter der Firma wurde so über Nacht zu Millionär. Neptune wurde wegen ihm zu einer „Stadt ohne Mittelstand“: auf der einen Seite Millionärsfamilien (da diese im Nobelviertel mit der Postleitzahl 90909 wohnen, oft auch als Null-Neuner bezeichnet) und auf der anderen Seite die, die für sie arbeiten und am Existenzminimum leben. Dass Keith Mars Kane verdächtigt hat für ihn und seine Familie schwere Folgen: er verliert seinen Job, seine Tochter Veronica wird in der Schule fortan von allen gemieden, Keiths Frau Lianne verfällt dem Alkohol und verlässt ihn. Zu allem Überfluss präsentiert der neue Sheriff Don Lamb kurz nach Keiths Entlassung Lillys Mörder: Abel Koontz.



Stil der Serie:

Auf den ersten Blick wirkt „Veronica Mars“ eher wie eine Teenie-Serie, was vor allem daran liegt, dass der Sender (insbesondere in den frühen Folgen) ein junges Publikum für die Serie gewinnen wollte. Der Stil des Intros und das Highschool-Setting mögen den Schluss nahe legen, dass die Serie in diesem Milieu verbleibt. Doch das tut sie keineswegs. Wie für den Film Noir typisch sind die Charaktere sehr ambivalent und ein tiefschwarzer Humor zieht sich durch die ganze Story. Die fiktive Stadt Neptune, in der die Serie spielt, schafft den optimalen Nährboden für eine gesellschaftskritische Krimiserie mit vielen satirischen, aber auch tragischen Aspekten. Besonders der Kapitalismus und der „American Dream“ bekommen regelmäßig ihr Fett weg. Die Oberschicht Neptunes wird bis auf wenige Ausnahmen als intrigant, manipulativ, berechnend und herablassend gezeichnet. Die Highschool dient da schon fast als Metapher, da hier das soziale Gefälle besonders deutlich wird und der Schulalltag nun einmal seinen ganz eigenen Gesetzen und Regeln folgt. Anders als bei anderen Krimiserien, insbesondere denen, die auch ein jüngeres Publikum ansprechen sollen, wirkt die Handlung fast immer sehr glaubhaft und wenig konstruiert – Veronicas Fälle sind nie wirklich große Verbrechen und dennoch versteht die Serie es Spannung aufzubauen, ohne auf aus der Luft gegriffene Wendungen zurückzugreifen. Die größeren Fälle werden für gewöhnlich von Keith übernommen, doch auch hier handelt es sich selten um richtige Verbrechen. Jede Staffel hat aber einen (bzw. – in Staffel 3 – zwei) zusammenhängenden Hauptplot um ein schwerwiegendes Verbrechen: Wer ermordete Lilly Kane? (Staffel1) Wer hat das Attentat auf den Schulbus verübt? (Staffel 2) Wer ist der Hearst-Vergewaltiger? (Staffel 3 – erste Hälfte) Wer hat den Dekan ermordet? (Staffel 3 – zweite Hälfte). Dieser Hauptplot wird wie auch einzelne wichtige Begebenheiten aus Veronicas Leben oft durch kurze Rückblenden, die eher wie ein Traum, leicht verschwommen und mit hohen Gamma-Werten, gestaltet sind, näher beleuchtet. Doch dadurch dass der Hauptfall zwischen 10 und 22 Folgen Zeit hat sich zu entwickeln, bleibt nicht nur viel Raum für falsche Fährten und kleine Details, die auf den Täter hinweisen, aber im größeren Kontext leichter übersehen werden, sondern auch eine ganze Folge für die Auflösung im jeweiligen Staffelfinale. Zwei Plots zeihen sich sogar über zwei Staffeln hin – einer davon sogar fast unbemerkt.



Charakterübersicht:

Um nicht zu viel vorweg zunehmen oder euch zu verwirren, beschränke ich mich mal auf die Hauptcharaktere, die zumindest schon in Staffel 1 vorkommen, auch wenn sie erst später zu Hauptcharakteren erhoben wurden. Wer die Serie kennt braucht keine Infos über Charaktere, die erst in Staffel 2 oder 3 auftauchen, und der Rest kann nichts damit anfangen. Nichtsdestotrotz: SPOILER-ALARM! Stufe 2 würde ich sagen...

Veronica Mars (Kristen Bell): Veronica war, obgleich ihr Vater als Sheriff ein eher durchschnittliches Einkommen hatte, einst Teil der 09er-Clique und die beste Freundin von Lilly Kane. Ferner war Veronica bis kurz vor Lillys Ermordung mit deren Bruder Duncan liiert. Als Keith Mars sein Ansehen in Neptune verliert, ist Veronica die Einzige, die zu ihrem Vater hält, wodurch sie gesellschaftlich abrutscht. In der Schule wird sie zur Außenseiterin. Keith lässt seine hochintelligente Tochter in der Privatdetektei Mars Investigations aushelfen und gelegentlich kleinere Fälle übernehmen. An der Neptune High wird sie manchmal auch von Mitschülern um Hilfe gebeten, wenn mal wieder eine der vielen Intrigen, die die Kids der High Society spinnen aus dem Ruder gelaufen ist. Außerdem ist sie natürlich weiterhin auf der Jagd nach dem wahren Mörder ihrer Freundin. In Staffel 3 wird die Handlung ans Hearst Collage verlagert, wo Veronica Kriminalistik studiert – parallel legt sie ihre Prüfung zur Privatdetektivin ab. Dass Serienschöpfer Rob Thomas die Serie endgültig aus dem Teeniemilieu herauswachsen lies, gefiel dem Sender nicht, der schon bei einigen der früheren Folgen gegen Thomas’ Willen einen an das jüngere Publikum gerichteten Stil durchsetzte. Es war vorgesehen, Veronicas Werdegang noch bis zum FBI zu verfolgen, doch der Sender setze die Serie nach der dritten Staffel ab. Thomas, Bell und prominente Fans wie Autor Stephen King, Regisseur Kevin Smith („Dogma“, „Clerks – die Ladenhüter“) oder Joss Whedon (der Schöpfer der Kultserien „Buffy“, „Angel“ und „Firefly“) protestierten, aber der Sender und die Produktionsfirma blieben hart. Seit dem Ende der Serie kämpfen Fans und die Macher für einen Spielfilm als Abschluss der Geschichte, doch wird dieser immer unwahrscheinlicher.

Logan Echolls (Jason Dohring): Logan war Lillys Freund und litt so wie Veronica sehr unter ihrem Tod. Da er seine Trauer ebenso wie die familiären Probleme mit Arroganz, irgendwelchen Eskapaden und anderem asozialen Verhalten zu überspielen versucht, wird er zunächst zu Veronicas Erznemesis. Als Veronica Logan jedoch helfen soll, seine vermisste Mutter zu finden, beginnt sie zu verstehen, dass er den Kotzbrocken nur mimt. Die beiden freunden sich an und werden im späteren Verlauf der Serie ein Paar – die Fans prägten für die komplizierte Beziehung der beiden das Kürzel LoVe („Lo-“ für Logan und „-Ve“ für Veronica). Eigentlich war der Charakter nur als Nebenfigur in den ersten Folgen geplant, doch überzeugte Dohring in der Rolle so sehr, dass man die Figur ausbaute. Die Dialoge zwischen Veronica und Logan machen einen Großteil der Komik der Serie aus, da Logan der einzige Charakter ist, der Veronica intellektuell wie rhetorisch gewachsen ist.

Keith Mars (Enrico Colantoni): Veronicas Vater arbeitet, nachdem er als Sheriff entlassen wurde, als Privatdetektiv. Sein Hass auf Jake Kane rührt von dessen einstiger Beziehung mit Keiths Frau Lianne zu ihren High-School-Zeiten und einer späteren Affäre der beiden. Obgleich er nicht einmal weiß, ob Veronica seine leibliche Tochter ist (es wäre gut möglich, dass Jake Kane in Wahrheit ihr leiblicher Vater ist), ist sie der wichtigste Mensch in seinem Leben, weshalb er immer wieder vergeblich versucht, sie von riskanten Ermittlungen abzuhalten.

Duncan Kane (Teddy Dunn): Lillys Bruder Duncan beendete die Beziehung zu Veronica, als er herausfand, dass sie seine Schwester sein könnte – verheimlichte ihr dies aber selbst über Lillys Tod hinaus. Duncan leidet unter Epilepsie Typ 4: bei einem Anfall verliert er die Kontrolle über sein Handeln und hat danach meist ein Blackout – doch kommt es nur sehr selten zu Anfällen. Anders als sein Vater und die meisten seiner reichen Freunde ist Duncan sehr sozial und hat einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn.

Wallace Fennel (Percy Daggs III): Nachdem Veronica Wallace an seinem ersten Tag vom Fahnenmast befreit hat (die hiesige Motorradgang klebte ihn nach einem Zwischenfall in der örtlichen Tankstelle mit Duct Tape dort fest), weicht er nicht mehr von ihrer Seite und die beiden werden die besten Freunde. Da Wallace eine Zeit lang im Schulbüro als Helfer arbeiten muss, beschafft er Veronica immer wieder Schülerakten und andere unzugängliche Dokumente.

Eli „Weevil“ Navarro (Francis Capra): Der Anführer von Neptunes Motorradgang, die ausnahmslos aus ärmeren Schülern des Latinoviertels besteht, gibt sich gerne abgebrühter als er ist. Während er in Gegenwart der meisten seiner Mitmenschen den knallharten Draufgänger spielt, zeigt er sich gegenüber Veronica immer wieder als guter Freund und Informant. Letztlich ist Weevil in das Leben eines Kleinkriminellen unfreiwillig hineingewachsen, füllt diese Rolle aber immer wieder voll aus.

Cindy "Mac" Mackenzie (Tina Majorino): Mac bezeichnet sich selbst einmal als Veronicas „Q“ – sie ist ein Computerfreak und kriegt so ziemlich jedes technische Problem für Veronica gelöst. Sie nutzt ihre Fertigkeiten aber auch ganz gerne mal, um den 09ern Geld aus der Tasche zu ziehen.

Don Lamb (Michael Muhney): Der neue Sheriff von Balboa County ist weder besonders arbeitseifrig noch intelligent. Lamb ist jemand, der gerne im Rampenlicht steht, und er geht stets den Weg des geringsten Widerstands. Ferner lässt er keine Gelegenheit aus, seinem früheren Chef und Vorgänger oder dessen Tochter das Leben schwer zu machen.

Jake Kane (Kyle Secor): Der Hauptantagonist der Serie ist ein Mann, den man nicht zum Feind haben will. Kane ist der reichste und mächtigste Mann Neptunes – nicht nur die Stadt ist von seiner Gnade abhängig, nein, er ist zudem noch ein hohes Tier in der Geheimorganisation „The Castle“ (das serieninterne Äquivalent zu „Skulls and Bones“). Leider wird „The Castle“ erst im Finale von Staffel 3 eingeführt und hätte wohl in Staffel 4 eine größere Rolle gespielt – doch kam es nie zu einer vierten Staffel.

Die Casablancas’: Der dritte große 09er-Clan neben den Kanes und den Echolls ist die Familie Casablancas. Die Brüder Dick (Ryan Hansen) und Cassidy (Kyle Gallner) gehen wie Veronica, Logan, Duncan, Weevil, Mac und Wallace auf die Neptune High. Während Dick ein Aufschneider und Rowdy ist, ist Cassidy eher schüchtern und unauffällig. Der Vater der beiden ist der Immobilenhai Richard Casablancas (David Starzyk), der in zweiter Ehe mit der geldgierigen Kendall (Charisma Carpenter) verheiratet ist.




Beste Folgen für einen ersten Eindruck:

1.05 – „Kontrolle ist besser“: Auf der Rückfahrt von einem Wochenendtrip nach Tijuana, Mexiko wird Veronicas neuem Freund Troy der Wagen gestohlen, den er sich unerlaubterweise von seinem Vater „geliehen“ hat. Mit der Luxuskarosse ist außerdem eine Piñata voll mit Steroiden, die Troys Freund für den kriminellen Besitzer eines Fitnessstudios in die Staaten schmuggeln sollte, vom Erdboden verschwunden. Im Hause Mars kriselt es ebenfalls, denn Veronica lernt Keiths neue Freundin kennen: ihre Beratungslehrerin. Allein wegen der Schlusspointe und den sehr unterhaltsamen Dialogen eine sehenswerte Folge, obgleich sie zwischendurch ein paar Längen aufweist.

1.06 – „Die Rückkehr des Kane“: Als die Wahl zum Präsidenten der Schülervertretung alles andere als erwartungsgemäß ausgeht, wittert Veronica eine Wahlmanipulation und geht ihr auf den Grund – leider findet sie dabei wieder einmal mehr heraus, als ihr lieb ist. Logan bedroht durch das Organisieren von Obdachlosenboxkämpfen den guten Ruf seines Vaters, des Schauspielers Aaron Echolls, der daraufhin eine PR-Aktion aus dem Boden stampft, die Logan nutzt, um seinen Vater noch mehr vorzuführen und dabei etwas wirklich gutes zu tun. Diese Folge konzentriert sich sehr viel stärker auf die Charaktere als die vorangegangenen. Sowohl Logan als auch Duncan werden von einer anderen Warte gezeigt und in ihrem Handeln verständlicher. Die Story um die manipulierte Wahl ist mehr Mittel zum Zweck, um die große soziale Schere und das daraus resultierende Konkurrenzdenken innerhalb der Schülerschaft zu verdeutlichen.

1.09: „Blindes Vertrauen“: Eigentlich wollte Veronica für ihren Vater nur herausfinden, wie einer ihrer Mitschüler in die Fänge einer Sekte geriet, doch ehe sie sich’s versieht, ermittelt sie – entgegen Keiths ausdrücklicher Anweisung – auch schon Undercover beim Mondkalb-Kollektiv – so der Name der Gruppierung. Zu ihrer Enttäuschung ist die „Sekte“ eine völlig harmlose Hippiekommune. Leider zahlen die Klienten, die reichen Eltern von Veronicas Mitschüler, nur, wenn es Keith gelingt, belastendes Beweismaterial gegen die Sekte zu finden. Diese Folge ist allein schon deshalb grandios, weil sie sich permanent anders entwickelt, als man gerade erwartet – bis zum Schluss wartet „Blindes Vertrauen“ mit neuen überraschenden Wendungen auf, ohne dabei unlogisch oder konstruiert zu werden. Außerdem hagelt es mal wieder Kapitalismuskritik satt – bei dieser Serie ist das aber praktisch obligatorisch.

1.10 – „Fröhliche Weihnachten“: Bei einer Pokerrunde bei Logan gewinnt Weevil 5000 Dollar, doch als Logan ihn auszahlen will, ist das Geld verschwunden. Weevil kassiert kurzerhand Besitztümer der anderen Spieler als eine Art Pfand – darunter auch Duncans Laptop, auf dem er sein Tagebuch gespeichert hat: Grund genug für Veronica sich auf die Jagd nach dem Dieb zu machen, denn sie ist sich sicher, dass in dem Tagebuch einige Dinge stehen, die besser unter ihr und Duncan bleiben sollten. Das Problem ist und bleibt das Motiv: Warum sollte Logan oder einer seiner reichen Freunde für sie eher läppische 5000 Dollar stehlen? Keith geht derweil einer Morddrohung gegen Logans Vater Aaron Echolls nach. Hier wandelt Veronica wahrlich auf den Spuren von Miss Marple und löst den Fall auch im besten Agatha-Christie-Stil auf. Hinzukommen herrlich bissige Dialoge und viel Situationskomik – besonders die Szene, wo Veronica Logan im Poolhaus aufsucht ist einfach nur saukomisch. Logan ruft Veronica, als sie geht, etwa hinterher: „Verbreite Kopfschmerzen! Verbreite Kopfschmerzen wie der Fön!“ Ferner hat die Folge einen tollen Showdown auf der Weihnachtsparty der Echolls’.

1.11 – „Das Schweigen des Sheriff Lamb“: Ein Serienkiller treibt sein Unwesen: Der E-Seiten-Würger. Eigentlich galt der Killer als gefasst, doch nun ist er zurück und der einzige Experte für die Mordserie ist Keith, der stets daran zweifelte, dass man einst den richtigen hinter Gitter gebracht hatte. So ist Lamb gezwungen mit Keith zusammenzuarbeiten, was ihm arge Probleme bereitet. Derweil kommt Veronica einem Skandal der besonderen Art auf die Spur: das Krankenhaus von Neptune hat zwei ihrer Mitschülerinnen als Babys vertauscht. Diese Folge fokussiert vor allem die Charaktere von Keith, Lamb und Mac, wobei Veronicas Ermittlungen neben der Jagd nach dem E-Seiten-Würger eher zur Nebenhandlung werden. Im Zentrum steht ganz klar die Suche nach dem Serienkiller. Zugleich wird mit einem leicht ironischen Unterton die Geschichte um die vertauschten Kinder erzählt – wiedereinmal geht es dabei um Gesellschaftskritik und ein recht amüsantes Spielen mit gängigen Klischees. Kaum eine Folge verknüpft so sehr Elemente von Film Noir, Comedy, Drama und Krimi miteinander wie diese.

1.12 – „Kampf der Tritonen“: Veronica im Fadenkreuz von Sheriff Lamb: sie soll für einige ihrer Mitschüler Ausweise gefälscht haben. In ihrem Spind findet Lamb sogar Vordrucke und führt Veronica vor den Augen der gesamten Schule in Handschellen ab. Wie sich bald herausstellt, wird der Schüler, dessen Aussage sie belastet, von einem Geheimbund – genannt Die Tritonen – unter Druck gesetzt. Diese Folge hat einfach alles: einen Geheimbund, Schüler, die sich ins Koma saufen, eine Wanze im Büro der Beratungslehrerin (die Gespräche, die Veronica abhört geben einen guten Einblick in das Seelenleben von Logan, Duncan und Weevil), eine versteckte Überwachungskamera, eine Gesangseinlage von Kristen Bell, viel Witz und eine tolle und überraschende Auflösung. Ganz großes KINO!

1.14 – „Mars gegen Mars“: Logan bittet Veronica, ihm bei der Suche nach seiner tot geglaubten Mutter zu helfen, denn er ist überzeugt, dass sie vor seinem Vater geflohen ist, nachdem dessen Seitensprünge öffentlich wurden. Außerdem beschuldigt eine Mitschülerin Veronicas ihren Lieblingslehrer Mr. Rooks vor der versammelten Klasse, eine Affäre mir ihr gehabt zu haben. Während Veronica alles daran setzt, die Vorwürfe zu entkräften wird Keith von den Eltern der Schülerin engagiert, um Beweise für Rooks’ Schuld zu finden. Außerdem ergaunert sich Veronica Duncans Krankenakte bei dessen Hausarzt und findet heraus, dass Duncan Epilepsie Typ 4 hat. Doch noch eine andere Krankenakte fällt ihr dort in die Hände: die von Abel Koontz. Definitiv eine der vielschichtigsten und spannendsten Folgen, die zudem maßgebend für den weiteren verlauf der Serie ist. „Mars gegen Mars“ könnte man als die Folge sehen, ab der die Serie eine neue Richtung einschlägt und weitaus düsterer wird.

Obgleich später noch weit bessere Folgen kommen als diese sieben, würden die einfach zuviel vorweg nehmen. Um einen ersten Eindruck von der Serie zu gewinnen solltet ihr definitiv eine dieser Folgen gucken. Um aber noch einen Eindruck vom Humor zu vermitteln ein kleiner Zusammenschnitt meiner persönlichen Lieblingssprüche aus den ersten zwei Staffeln, um diese kleine Vorstellung etwas anschaulicher zu gestalten (ich sage das nur extra dazu, um unmissverständlich klar zu machen, dass diese knapp 10 Minuten Ausschnitte als Teil des Artikels betrachtet werden sollen und der Illustration dienen):




Samstag, 7. August 2010

Alice im Wunderland

So, ich hab wieder fleißig Filme geguckt und eigentlich sollte diese Review Teil des zweiten Pakets Kurz-Reviews sein, doch nun hab ich mich doch zu einer Review hinreißen lassen, die alles andere als kurz ist. Jetzt werde ich mich dann doch mal zurück an "Omega" und den Artikel zu "The new Men in Charge" für das Lost-Blog setzen. Ich hoffe, ich komme zwischendurch zu den Kurz-Reviews, wo in jedem Fall "#9" dabei sein wird und vermutlich auch "The Wolfman". Bei der dritten bin ich noch schwer am überlegen.

Das Kinderbuch "Alice im Wunderland" und dessen Nachfolger "Alice hinter den Spiegeln" von Lewis Carroll sind ein Stoff, der wohl zu den meistverfilmten der Literaturgeschichte zählt - nun wäre Tim Burton, aber nun einmal nicht Tim Burton, wenn er einfach nur eine weitere Adaption aus dem Hut zaubern würde. Burton macht etwas, das wohl bei keinem anderen geglückt wäre: ein weiteres Sequel. Die Grundidee ist ähnlich wie bei Spielbergs "Hook" - so wie damals Peter Pan als Erwachsener nach Nimmerland zurückkehrte, schickt Burton nun Alice am Tag ihrer Verlobung Heim ins Wunderland. Doch während Peter sein altes Selbst wiederentdecken musste, muss Alice lernen, sich, so wie sie ist, in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu behaupten: ein bisschen verrückt eben. Burton verknüpft also viele Elemente der Originalbücher von Carroll mit einer erwachseneren, epischen Story und was herauskommt ist ganz großes Kino. Während Burton sonst seinen Adaptionen eher mehr Nonsens verpasste, als ihre Vorlagen hatten, nimmt er Alice viele der abstrusen Dialoge. Normalerweise wäre das ein Grund, sich zu ärgern, doch wurde der Stoff schon oft genug nur geringfügig modifiziert verfilmt, um endlich mal etwas mit den Figuren und Einfällen zu spielen - schließlich ist die Vorlage so herrlich durchgeknallt und verspielt, dass sie geradezu danach schreit, mal modernisiert interpretiert zu werden. Was man bei anderen Literaturverfilmungen als sträfliche Ignoranz ansehen würde, ist bei "Alice im Wunderland" eigentlich Pflicht. Denn so wie Carroll selbst mit den Erzählungen anderer herumexperimentierte, sie parodierte und karikierte, wäre er Burton wohl kaum böse um die sehr freie, erwachsenere Neuinterpretation. Und der Nonsens fehlt nicht, er ist nur etwas in den Hintergrund gerückt - die neue Alice ist handlungsbetonter, epischer, bildgewaltiger und spannender, aber nichtsdestotrotz bleibt es Alice. Die Alice?
"Also, wenn sie's wär, wird sie's wohl sein!"

Nachdem Alice (Neuentdeckung Mia Wasikowska) es endlich geschafft hat, ihre Erinnerungen an ihre letzten Besuche im Wunderland als Träume zu verbuchen, flieht sie als junge Frau vor der Verlobung mit Hamish Ascot (Leo Bill) erneut ins Wunderland. Die großaufgezogene Verlobungsfeier wird herrlich überspitzt in Szene gesetzt und die Nebendarsteller übertreffen sich hier wahrlich in schrulligem und biederem Gebaren.
Alice stürzt also zurück ins Wunderland, das aber, wie wir nun erfahren, eigentlich Unterland hieß (der phonethische Fehler der jungen Alice, ist im Englischen natürlich um vieles verständlicher: "wonder" - "under"). Es folgt die altbekannte Szene mit Trank, Schlüssel, Tür und Kuchen, die von den Bewohnern des Unterlands, die Alice durch ein Schlüsselloch beobachten, kommentiert wird.
"Man sollte meinen, sie kenne das alles noch vom ersten Mal",
meint der Dodo mürrisch. Geschrumpft, gewachsen und wieder geschrumpft tritt Alice also ins Wunderland/Unterland ein.
Ihr Empfangskomitee bilden die Blumen, der Dodo (Michael Gough), die Haselmaus (Barbara Windsor), das Weiße Kaninchen (Michael Sheen), Diedeldum und Diedeldei (Matt Lucas in einer sehr schönen Doppelrolle).
"Ich bin Diedeldei, er Diedeldum" -
"Andersrum: Ich bin Diedeldum, er Diedeldei!"

Die Truppe streitet sich jedoch unentwegt, ob diese Alice, denn nun die richtige Alice sei.

Am Ende beschließen sie, Alice zu Absolem (Alan Rickman), der Raupe, zu bringen. Anders als bei den anderen reinen Sprechrollen (wie etwa dem Kaninchen oder dem Dodo) merkt man Absolem den "Darsteller" auch im Deutschen noch an, denn Absolem hat Rickmans deutsche Stammsynchronstimme Bernd Rumpf und die Raupe sieht Rickman im Gesicht zumindest etwas ähnlich. Aber jedem ist wohl klar: Alan Rickman gehört zu den Schauspielern, die man schwerlich synchronisieren kann - wie auch Hugo Weaving, Ian McDiarmid, Michael Emerson oder Christopher Lee, der in Alice auch eine kleine Sprechrolle hat.

Absolem zeigt Alice das Oracolum, ein Kompendium der Geschichte von Unterland, welches weissagt, Alice werde am Blumertag mit dem Vorpal-Schwert den Jabberwocky (dem lieh übrigens Christopher Lee seine Stimme) erschlagen.
"Der Tag wird blumer sein, denn du erschlägst den Jabberwocky."

Hier ist dem Team um Burton dann doch ein kleiner Fehler unterlaufen, denn "Jabberwocky" ist der Name des Gedichts, in dem die Kreatur Jabberwock ebenso wie der Bandersnatch und der Jubjub-Vogel erwähnt und mehr oder weniger umschrieben werden. Alle drei haben ihren Weg in die Filmadaption von Burton gefunden (von oben links nach unten rechts: Jabberwocky, Alice im Kampf mit selbigem, Bandersnatch und Jupjup-Vogel):

Der Bandersnatch ist es auch, der kurz nach Absolems Verkündung, Alice sei "nicht gänzlich" die richtige Alice, gefolgt von Soldaten der Roten Königin (Helena Bonham Carter - Tim Burtons Ehefrau) die kleine Versammlung angreift. Dodo und Kaninchen werden Gefangen genommen. Die Maus attackiert den Bandersnatch, stiehlt ihm das rechte Auge und Alice flieht in Begleitung von Diedeldei und Diedeldum zu einer Weggabelung, doch da wird's knifflig: Wo sollen sie lang gehen?
"Da lang: Ost nach Quost!" -
"Neeeeein, Süd nach Snüd!"
Der Jupjup-Vogel greift an und schnappt sich Alices streitlustige Begleiter. Die nun folgende Flugsequenz ist ziemlich eindeutig vor allem für den 3D-Effekt der Kino-Fassung im Film, denn obgleich sie sehr beeindruckend sein dürfte, wenn man sie in 3D auf der großen Leinwand sieht, so verliert sie im Heimkinoformat doch nahezu gänzlich an Reiz. Sie schafft aber zumindest einen fließenden Übergang zur ersten Szene im Schloss der Roten Königin, die hier vor allem als Antagonisten vorgestellt und etabliert werden soll. Und natürlich darf ein Satz hier nicht fehlen:
"AB MIT DEM KOPF!"
Alice trifft derweil auf die Grinsekatze (Stephen Fry), die sie zum Verrückten Hutmacher (Johnny Depp) führt, der natürlich wie üblich mit dem Märzhasen (Paul Whitehouse) Tee trinkt.
Tja, und hier kommen wir dann doch zu meinem einzigen wirklichen Kritikpunkt: Nicht, dass Johnny Depp in der Rolle nicht absolut großartig wäre oder ich etwas gegen seine häufige, aber stets überaus fruchtbare Zusammenarbeit mit Burton hätte, nein, das Problem liegt hier woanders. Die Hauptfigur bei "Alice im Wunderland" ist nun einmal Alice und nicht der Hutmacher, welchem wegen Depp zu viel Gewicht in der Story beigemessen wird. Doch auch dann noch wächst der Charakter nicht über eine Nebenfigur hinaus. Und da muss man doch wirklich mal fragen, warum Johnny Depp auf DVD-Cover, Kinoplakat und so weiter als der Hauptdarsteller gefeiert wird und Mia Wasikowska in der Castingliste (auf der Rückseite der DVD-Hülle) sogar noch hinter Carter, Hathaway und Lucas steht. Da hat Disney sich in meinen Augen nun wirklich einen der größten Fauxpas der Filmgeschichte geleistet. Es ist ja nichts Neues, dass Studios immer meinen, sie bräuchten einen großen Namen auf dem Kinoplakat, der ordentlich Kinogänger zieht. Doch sonst hat man ja für gewöhnlich immerhin noch den Anstand besessen, den unbekannten Hauptdarsteller daneben zu listen. Aber in diesem Fall degradiert man die Hauptdarstellerin zu einer Art Beiwerk, der im sonstigen Staraufgebot untergeht. Das hat dieser Film nicht nötig, denn er spricht für sich und brauch nicht die Namen der Stars auf den Kinoplakaten. Außerdem tut es Mia Wasikowska Unrecht, denn die braucht sich hinter ihren berühmten Kollegen wahrlich nicht zu verstecken. Das ist gewiss Nichts, was man Depp oder Burton anlasten müsste, und es tut dem Film auch keinen Abbruch. Diese Marketingstrategie ist nur mal wieder ein Beweis dafür, wie in Hollywood die Uhren ticken - selbst bei richtig guten Filmen muss das Studio nochmal ordentlich Mainstream und große Namen erzwingen, weil es ja sonst kein Erfolg wird. Da frag ich mich doch echt, ob die Herren Studiobosse eigentlich niemals klug werden. Die Liste von Filmen, die ohne berühmte Stars große Erfolge feierten, ist lang. Noch länger ist nur die Liste von Filmen, die dem Rezept der Studios für Erfolgsgarantie entsprechen und an den Kinokassen scheiterten. Warum? Weil der Zuschauer letztlich nicht so blöd oder berechenbar ist, wie man ihn gerne hätte. Aber kehren wir aus der Kritik an den Mechanismen der Traumfabrik mal ins Wunderland zurück:
Vom Hutmacher erfährt Alice, dass die Herzkönigin/Rote Königin ihre Schwester, die Weiße Königin (Anne Hathaway) gestürzt hat. Kleine Randinfo zur Roten Königin/Herzkönigin: Burton setzt die beiden Antagonistinnen aus Band 1 und 2 gleich. Während sich der erste Band an einem Kartenspiel orientierte, war der zweite einem Schachspiel nachempfunden und anders als bei uns sind die Farben im Schach in Großbritannien für gewöhnlich nicht Weiß und Schwarz, sondern Weiß und Rot.
Der Hutmacher, der Märzhase, die Grinsekatze und "Alices Empfangskomitee" sind Teil einer Rebellion zum Sturz der "miesen Breitrübe" - ein Spitzname, den die Bewohner von Unterland ihrer tyrannischen Herrscherin verliehen haben. Die Rote Königin hat aber schon ihre Häscher nach Alice ausgesandt. Geführt werden die Truppen der Roten Königin vom Herz-Buben Ilosovic Stayne (Crispin Glover), der den Spürhund Bayard (Timothy Spall) dazu nötigt, Alice aufzuspüren.

Alice flieht jedoch mit der Hilfe des Hutmachers und kann sich sogar in den Hofstaat der Roten Königin einschleusen. So gelingt es ihr, nicht nur das Vorpal-Schwert zu stehlen, sondern sie kann auch den Bandersnatch für ihre Sache gewinnen, indem sie ihm sein Auge zurückgibt. Sie flieht auf der Kreatur zum Schloss der weißen Königin, welche nun zum Krieg rüstet, denn der Blumertag ist nah.

Im Schloss der Roten Königin gelingt derweil den Rebellen durch einen Trick von Grinsekatze und Hutmacher die Flucht.

Tja, und was dann folgt, kann sich wohl jeder denken: Es kommt zur finalen Schlacht, bei der ich mal lieber noch ein paar Bilder sprechen lasse:


Abschließend will ich noch ein mal auf das Thema "Traum" zu sprechen kommen. Zwar wird an vielen Stellen suggeriert, dass alle drei Besuche von Alice im Wunderland völlig real waren (sie behält sogar eine verletzung am Oberarm zurück), doch Burton versteckt auch viele Andeutungen, die auf das Gegenteil schließen lassen, womit die Frage doch wieder offen bleibt. Zunächsteinmal hat das Wunderland seine infantilen, kindlich verträumten Züge fast gänzlich verloren und ist praktisch mit Alice zusammen erwachsen geworden, behält aber ebenso wie sie unter der Oberfläche all die Verrücktheit bei. Dann finden sich starke Parallelen zwischen dem Hofstaat der Roten Königin und der Verlobungsgesellschaft in Gebaren und Kleidung. Zwei Mädchen bei eben jener Gesellschaft erinnern in ihrer Art des Gesprächs stark an Diedeldei und Diedeldum. Außerdem grüßt Alice in der letzten Szene einen Schmetterling, der auf ihrer Schulter landet: "Guten Tag, Absolem!" Aber vielleicht liegt die Wahrheit auch irgendwo dazwischen und das Wunderland ist zwar real, aber so eng mit Alice verknüpft, dass es sich ihr in gewisser Weise anpasst.
Als Fazit kann ich nur sagen: Ein wunderbarer Film, der mich - wie eigentlich jeder Tim Burton-Film - sehr gut unterhalten hat, einen mal zum Lachen bringt und dann wieder traurig macht. Burton ist und bleibt ein Meister seines Faches, denn er hat eine Meise, ist verrückt, nicht bei Sinnen, aber ich verrate euch was:
"Das macht eben die Besten aus!"