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Montag, 6. September 2010

"Was ich schon immer mal sagen wollte" III - aus aktuellem Anlass: Wir backen uns 'nen Nazi

Tja, mit der Meinungsfreiheit ist das halt so eine Sache. Vor 70 Jahren bekam man Ärger, wenn man gegen Nazis war. Heute bekommt man Stress, wenn man "gewisse Themen" anspricht. Bevor jetzt einer denkt, ich würde die Meinung von Herrn Sarrazin oder anderen Fallbeispielen, die noch kommen werden, zustimmen: Nein, zumindest nicht gänzlich, eigentlich nur in wenigen Punkten. Aber darum geht es ja auch gar nicht, denn dieses Blog ist kein politisches, sondern vor allem eines, das sich neben Filmen und Serien vor allem mit unseren lieben Medien auf unterschiedlichste Art und Weise auseinandersetzt.
Rassismus ist - und das sollte jedem geistig gesunden Menschen (zu denen ich mich nicht einmal zählen will) klar sein - kein deutsches Problem, sondern ein menschliches und so alt wie die Menschheit selbst. In Deutschland hatten wir nun bekanntermaßen ein besonders großes Problem damit und der heutige Umgang von Politik und Medien ist doch immer wieder faszinierend. Steigen wir mal mit den echten Nazis ein, um dann den Vergleich zu jenen zu ziehen, die unsere Medien gerne zu welchen machen.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass vor der Bundestagswahl 2005 die NPD in den Ländern der einstigen DDR in zwei Landtage eingezogen war und in den Medien ein großes Theater darum gemacht wurde. Ich weiß das deswegen noch so gut, weil anlässlich der Bundestagswahl die Bochumer Spitzenkandidaten der fünf großen Parteien bei uns in der Schule waren und ein fröhliches Frage-Antwort-Spielchen mit uns veranstaltet haben. In der nachfolgenden Diskussion in unserem Profil kam dann auch das Thema NPD zur Sprache und ich prophezeite meinen ungläubigen Mitschülern, dass die Medien wieder ein großes Theater daraus machen würden und am Ende eh' wieder nichts passiere und in zwei Monaten würde keiner mehr ein Wort darüber verlieren. Als ich dann noch hinzufügte, die Medien und die Politiker der anderen Parteien würden der NPD damit letztlich einen Gefallen tun, wenn sie diese Partei zwar immer mal ins Gespräch brächten, damit sie als Drohkulisse im Raum schwebe, aber nichts Konkretes passieren würde, musste ich mich sogar noch als Befürworter der Partei beschimpfen lassen, was mir einmal mehr bewiesen hat, dass die meisten Deutschen nicht in der Lage sind, sachlich über dieses Thema zu reden, sondern einfach alles rundherum verteufeln und auch jede sachliche Auseinandersetzung schon als erster Schritt in Richtung Rechtsextremismus empfunden wird, obwohl wohl eher das Umgekehrte der Fall ist: wer überall Nazis wähnt, hat meist Angst vor dem kleinen Adolf in sich selbst. Wir erinnern uns ja auch alle noch an den Schrei der Empörung, der durchs Land ging als Dani Levy mit "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" eine Komödie über Hitler ins Kino bringen wollte - ich persönlich empfand den Film letztlich sogar als ZU harmlos. Aber über Hitler darf man ja angeblich nicht lachen. Warum eigentlich nicht? Ich finde: Wenn es ein Mensch in der Geschichte jemals verdient hat, dass man ihn absolut gnadenlos der Lächerlichkeit preisgibt, dann ist es Adolf Hitler. Womit verdient dieses abscheuliche Subjekt es denn bitte, dass man mit ihm nicht machen darf, was jeder Popstars-Kandidat über sich ergehen lassen muss?
Kommen wir zurück zu der NPD-Diskussion. Letztlich behielt ich in beiden Punkten recht: Keine zwei Monate nach dieser Diskussion mit meinen MitschülerInnen waren NPD und Co schon wieder vergessen, bis man sie ein, zwei Jahre später wieder aus dem Schrank holte, damit sich alle kurz etwas gruseln konnten, ehe man sich was neues suchte... Schweinegrippe, Vogelgrippe, Maul- und Klauenseuche, SARS, BSE, Kampfhunde (auch nicht kranke Tiere sind gefährlich), Klimawandel, Taliban, Al "Ka-i-daaaa", pädophile Priester (die haben sich ja allem Anschein nach von heute auf morgen in den Kirchen materialisiert), Flutkatastrophen, Waldbrände, Guido Westerwelle (wirklich ein Grund zum Fürchten), mal wieder Klimawandel (diese Klimagipfel sind auch so etwas, das man im Lexikon unter dem begriff "Kontraproduktiv" findet), Hurrikanes, Zumwinkel, Bankenkrise, das alljährliche Krokodil im Rhein, Bohrinseln, Hygiene in Krankenhäusern und jetzt halt: Thilo Sarrazin.
Die Medien berichten zwar immer mal über die bösen Nazis, doch das hat nicht viel mit objektiver Berichterstattung zu tun. Sind NPD-Mitglieder tatsächlich mal Gegenstand aktiver Politik, werden sie außenvor gelassen, denn diese Menschen haben im deutschen Fernsehen ja keinen Platz. Dabei weiß jeder, der sich mal ein Viertelstündchen einen von diesen Knallköppen angehört hat, dass spätestens nach 10 Minuten die hohlen Phrasen aufgebraucht sind und nur noch heiße Luft kommt. Warum lässt man die Nazis also nicht einfach brabbeln, damit sie sich mal so richtig schön zum Affen machen können (wobei ich jedem Affen weit mehr gescheite Konversation zutrauen würde)? Ganz einfach: Dann wäre ja die schöne Drohkulisse weg. Da die aber ohnehin zu bröckeln beginnt, muss immer mal wieder auch die Gegenseite (also die Linke) herhalten, aber das ist ein noch ganz anderes Thema, wozu ich nur noch sage: Das Lied hat man bis in die 1930er schonmal gesungen. Auch vom NPD-Verbot will ich gar nicht erst anfangen. Wichtig ist nur: Echte Nazis im TV will keiner, weil man befürchtet, die Kontrolle zu verlieren. Man will sie mit Gewalt vorführen oder verteufeln (dass das nötig erscheint, ist auch sehr bedenklich) und fürchtet, das könne mal nicht gelingen oder so offenkundig sein, dass der Zuschauer sagt: "So, wie die den Voigt kleinhalten, haben die wohl Angst vor dem, was der sagen könnte!" Aber was ist mit den Pseudo-Nazis, die sich die Medien und die Politik als Ersatzzielscheiben basteln?
Beginnen wir mal mit dem populärsten Fallbeispiel (vor Sarrazin): Eva Herman. Ich mag die Frau nicht sonderlich und ich teile auch ihre Ansichten nicht, doch was auf ihre aus dem Zusammenhang gerissene Aussage bezüglich der Familienpolitik bis zum Ende des Dritten Reichs im Gegensatz zum Stellenwert der Familie zur Zeit der 68er und darüber hinaus folgte, war letztlich eine televisionäre Steinigung. Wir alle kennen die legendäre Kerner-Sendung wohl zu Genüge und jedem fällt bei genauerem Hinhören auf, wie hier Aussagen verdreht wurden und nur das Ziel verfolgt wurde, diese Frau durch den Wolf zu drehen. Um eine Möglichkei zur Erklärung ging es hier nie. Und auch diese ganzen Witze mit "Eva Braun... ähm... Quatsch Herman Göring, nein auch nicht" hätten sich viele selbsternannte Kabarettisten lieber geschenkt, denn die Sprüche kamen selbst von solchen, die sie eigentlich nicht nötig hatten. Jeder, der sich nun mal die Mühe gemacht hat, das komplette Zitat im Originalkontext zu hören, weiß, dass es nicht ansatzweise so schlimm war, wie man uns weißmachen wollte.
„Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch ’ne Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er-Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das – alles, was wir an Werten hatten – …; es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle. Aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben…“(Quelle: Wikipedia)
Man wollte von Frau Herman ja immer eine Distanzierung von dieser Aussage und da frag ich mich: Von was hätte sie sich distanzieren sollen?
Als in den USA bei der Beamtin Shirley Sherrod was ganz ähnliches passierte, kamen aus den Ecken, die damals Frau Herman eins übergebraten hatten, hämische Beiträge daher. Was hatte Shirley Sherrod getan? Auf einem Treffen der NAACP hatte sie etwas geäußert, das aus dem Zusammenhang gerissen als rassistische Äußerung gegen weiße Bauern zu verstehen war. Ein kleiner Internet-Nazi lud diesen verkürzten Ausschnitt hoch, um die afroamerikanische Staatsdienerin zu diskreditieren und die Hexenjagd war eröffnet. Nachdem man die gute Frau medienwirksam gefeuert hatte, kam man dann doch mal auf den Gedanken, sich die ganze Rede anzusehen und... Ups! Was sagt die da?
"Es gibt keinen Unterschied zwischen uns" (Quelle: N24.de)
Das war ein gefundenes Fressen für unsere Nachrichtenmagazine... . Mit welcher Häme öffentlich-rechtliche Polit-Magazine und dergleichen nun über die blöden Amis herzogen war schon echt peinlich - vor allem: Die Amis haben ihren Fehler wenigstens eingeräumt. Den Satz "Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen" kennen die deutschen Magazine wohl nicht.

Ich habe aber noch so einen schönen Panorama-Beitrag gefunden:

Jetzt bin ich nun wahrlich kein Freund der hessischen CDU und will nicht verhehlen, dass Herr Koch und seine schwarzen Brüder ganz gerne mal in braunen Gewässern Baden oder zumindest Angeln gehen, aber jetzt mal ehrlich:
Würde ich zum Beispiel in die Türkei fliegen und dort einen Türken als "Scheiß-Türke" beschimpfen, dürfte ich mich doch nicht wundern, wenn ich eins aufs Maul kriege, oder? Wenn ich diesen Beitrag sehe, sehe ich Meinungsmache. Da hat ein Politiker etwas gesagt, was man gut verpackt den Leuten als Rassismus verkaufen kann, wo gar keiner war, denn: Wenn ich in einem anderen Land lebe und die dortige Bevölkerung aufgrund ihrer Nationalität in ihrem eigenen Land anpöbel, dann hab ich da nichts verloren. Zumal "Panorama" hier auch noch so blöd ist, die Aussagen Wagners vorzuspielen und jedem ist doch wohl klar, dass er hier überspitzt, was "Panorama" als ernsthafte Absicht hinstellt. Und aus dem Publikum werden dann drei Gestalten rausgepickt, die nun wahrlich auf dem NPD-Parteitag besser aufgehoben gewesen wären.
Der Rassist ist aber selbst dann doch wohl der, der "Scheiß-Deutscher" sagt. Wobei das ja noch harmlos ist gegen so Aussagen wie: "Ihr Deutsche seid alle Nazis" - also, wenn man jemanden aufgrund seiner Nationalität in eine Schublade steckt, ist das Rassismus. Da unsere Medien aber gerne wie Pontius Pilatus ihre Hände in Unschuld waschen und sich gerne als Nicht-Rassisten darstellen wollen, suchen sie nicht nur nach möglicherweise rassistischen Tendenzen bei anderen, nein, sie fügen der Regel von oben einen Zusatz hinzu und machen daraus: Wenn man jemanden aufgrund seiner Nationalität in eine Schublade steckt, ist das Rassismus - außer der Betroffene ist Deutscher. ODER: Wenn ein Deutscher etwas zur Intergartionspolitik (übrigens selten unpassendes Schlagwort) sagt, was nicht auf "Lasst sie alle rein!" hinausläuft, ist er ein Nazi. Diese Einbürgerungstests stellt aber keiner in Frage, obwohl sie so gestaltet sind, dass man sie kaum bestehen kann oder wie Volker Pispers einmal sagte: "Wenn sie den Test mit allen Deutschen machen, können Sie die Hälfte ausbürgern. Ein verführerischer Gedanke!" In der Tat!^^
Tja, und da komm ich dann irgendwo nicht mehr mit. Auf der einen Seite hacken die Medien sofort undifferenziert auf jeder Äußerung rum, die man unter gewissen Umständen, vielleicht als rassistisch werten könnte. Auf der anderen Seite begegnet uns in den Medien, der Politik und im Alltag ständig unterschwelliger Rassismus. In den Nachrichten krieg ich jedesmal Zustände, wenn ich Sätze höre wie: "Bei dem Flugzeugabsturz kamen 423 Menschen ums Leben - darunter auch zwei Deutsche!" DAS ist Rassismus, denn hier wird im Tod noch selektiert, aus welchem Land man kommt. RTL verkauft uns in Reality-Shows und Doku-Soaps (die dann meist auch noch gescriptet sind) permanent das Bild vom asozialen, ausländischen Hartz-IV-Schmarotzer, dessen Blagen die armen deutschen Kinder vermöbeln. Dass es solche Familien gibt, steht zwar außer Frage, doch gibt es nicht nur ebensoviele deutsche Familien, wo so etwas passiert, denn der Grund für die Frustration bei den Sprösslingen ist schließlich die finanzielle Lage der Familie und nicht die Herkunft, sofern die nicht der Grund für die Arbeitslosigkeit ist, denn die potenziellen Arbeitgeber gucken schließlich auch RTL, sondern auch etliche Menschen mit Migrationshintergrund, die sich so gut eingelebt haben, dass sie uns schon gar nicht mehr auffallen. Hier haben wir ein Kernproblem der Wahrnehmung: Uns fallen nun einmal vor allem die Menschen auf, die sich nicht angepasst haben und das vermutlich auch gar nicht wollen. Das kann sowohl der Typ im Gothik-Look sein als halt auch die Familie, die sich auf Türkisch einmal quer durchs Arztwartezimmer unterhält, während ich mein Buch lesen will. Man merkt sich halt mehr das Unangenehme. Kann sich irgendwer hier noch daran erinnern, wie der letzte Mensch aussah, der einem mal die Tür aufgehalten hat? Oder einem sonst wie hilfbereit entgegengekommen wäre? Aber an den Typ, der uns blöd auf der Straße anpöbelt, erinnern wir uns noch eine Woche später, oder? Wirkte derjenige nun zufällig türkisch auf uns, haben wir erstmal Wut auf Türken. War er zufällig Postbote, sind wir wütend auf Postboten... der Mensch generalisiert immer - wenn auch unterbewusst. Das hat mit Rassismus jedoch herzlich wenig zu tun, sondern mit Generalisierung und Verallgemeinerung und gegen die zwei ist keiner von uns gefeit, weil sie in jedem von uns automatisch ablaufen.
Auch Sarrazin scheint daher zu verallgemeinern. Wir sind nun in unserem Land besonders darauf trainiert, Aussagen zu diesem Thema merkwürdig zu sieben. Serdar Somuncu fragte einmal bei einem seiner Programme in den Saal: "Sind Juden anwesend?" Sofort geht ein beschämt, verhaltenes Lachen durch den Saal. "Warum dieser Lacher? Ich hab nur gesagt: 'Sind Juden anwesend?' Sie haben gehört: 'Sind JUDEN anwesend?' Auch das ist ein Teil des Deals: ich kann mich nicht für Ihre schmutzigen Gedanken schämen. Ich hab ja nicht gesagt: 'Sind Drecksjuden anwesend, die wir vielleicht vergessen haben könnten?'" Tja, und da hat Serdar Somuncu wie so oft den Nagel auf den Kopf getroffen: Wir sind so darauf trainert, jedes Mal schon Rassismus zu mutmaßen, wenn überhaupt das Wort 'Jude' oder 'Türke' fällt, dass wir den Rest schon gar nicht mehr richtig mitbekommen. Den Türken, der sich aufregt, wenn ich ihn statt als "Mensch mit Migrationhintergrund türkischer Abstammung" einfach als "Türke" bezeichne und der sich nicht ohnehin aufgeregt hätte, soll man mir mal bitte zeigen. Ich fühl mich auch nicht beleidigt, wenn man mich als "Weiß" (könnte ja auf "Minimalpigmentierter Mitmensch" beharren) oder "Deutschen" (so gesehen viel eher ein Grund beleidigt zu sein als bei "Türke") bezeichnet. Sorry, aber wer sich an so etwas stört, hat erstens zu viel Zeit und zweitens wohl keine anderen Sorgen. Diese Leute sind es dann aber auch, die etwas "Islam-Kritik" nennen und nachher die ganze Religion runterputzen. Außerdem ist Mulim und Islamist ja schon ein Synonym geworden. Tja, und dann wollen sie noch die Moscheen und Minarette verbieten... Warum nicht gleich anzünden? Hat 1938 mit den Synagogen doch schon so gut geklappt. Wir haben Religionsfreiheit! Und solange dieser weihrauchschwingende, patrairchalische Karnevalsverein mit Kondom- und Schwulenphobie (irgendwo auch paradox) jeden Sonntag zur Frühmesse läuten darf, hat es über Moscheen gar keine Diskussionen zu geben. Das hat auch mit Kulturkreisen nichts zu tun, denn Religion und etnische Herkunft sind zwei ganz verschiedene Paar Schue und, dass das bei vielen Deutschen noch nicht angekommen ist, zeigt umso deutlicher, wo die wirklich gefährlichen Formen des Rassismuses ablaufen!
Das Problem bei Sarrazins Thesen ist ein ganz anderes, denn hier greifen weniger rassistische als kapitalistische Grundsätze. Menschen nach Intelligenz oder Wirtschaftlichkeit einzuteilen und unproduktive Individuen geringer zu bewerten, ist in der Tat menschenverachtend, aber das Lied singen CDU und FDP seit Jahren. Andere bekommen für solche Aussagen und Statistiken fette Gehälter. Und man hackt noch mal ordentlich auf den bösen Hartz-IV-Empfängern rum oder will chronischkranke Menschen mit zusätzlichen Arztgebüren nochmal doppelt zur Kasse bitten.
Wenn nun jemand hingeht und die sogenannte "Intergrationspolitik" anhand solcher Statistiken auswertet und festhält, dass wir schon mit den eigenen Bedürftigen genug Probleme haben oder statt Deutschen mal andere Volksgruppen nach diesen Kriterien untersucht, ist er ein Rassist, oder wie? Unser Außenminister verallgemeinert bei Hartz-IV-Empfängern und wettert gegen Mindestlöhne, denn das kostet ja so viel... für Banken, Hotels, Eurofighter und Steuersenkungen haben wir aber genug, oder was? Bei Bildung und Sozialleistungen ist das dann aber "Spätrömische Dekadenz" - DAS ist menschenverachtend und enthält eindeutig Tendenzen, die sich so auch in der Politik der Nazis fanden: wer nicht produktiv genug ist, ist weniger wert. Bin ich denn wirklich der einzige, für den das bekannt klingt? Von der bösen Gefahr von Links fangen wir besser gar nicht an. Fliegt Westerwelle ausm Amt? Nö.
Jetzt geht also Sarrazin hin und legt den Finger in eine Wunde, legt Zahlen und Fakten auf den Tisch, die sicher auch populistische Züge enthalten, aber gegen Guidos Hetzreden noch harmlos sind, und hier springen plötzlich alle Politiker auf und brüllen: "Das kann man so nicht sagen!" Und mein besonderer Liebling Michel Friedmann haut dann noch einen aus seinem Glashaus raus: "Wir brauchen Brückenbauer und keine Hassprediger!" - Michel, was machst du dann noch hier? Mal ehrlich: Ich glaub, wenn ich "Hassprediger" im Lexikon nachschlage, kommt da erst was über Jürgen Becker und Joachim Kardinal Meisner und dadrunter dann ein Bild von Paulo Pinkel (Ich weiß, eigentlich: Pinkas). Als drittes steht dann da vermutlich noch etwas über das oben schon zitierte Programm von Serdar Somuncu mit dem Titel: "Der Hassprediger liest BILD".
Aber ich gleite schon wieder in die politische Auseinandersetzung ab. Gerade läuft hier "Anne Will" und da spiegeln die Einspieler auch wieder die manipulativen Mechanismen der Medien wieder, denn es kommen komischerweise nur Leute aus der SPD-Basis zu Wort, die das sagen, was die ARD senden möchte. Komisch... alle in der SPD-Basis haben eine grundlegend andere Meinung als die Spitze. Mit geschickt geschnittenen Beiträge kriegen die uns noch dazu, dass wir wieder glauben, die Sonne drehe sich um die Erde, die im übrigen eine Scheibe ist.
Überhaupt greifen auch bei der Berichterstattung wieder Generalisierung und Verallgemeinerung: Man ist FÜR oder GEGEN Sarrazin. Kaum einer hat den Schinken gelesen, alle kennen diese Häppchen, die man uns da vorsetzt, aber selbst bei denen müsste man schon differenzieren. Haben wir ein Problem bei der Integration? - Ja. Gibt es das, was Serdar Somuncu mal sinngemäß als die "Deutsche Übertoleranz" bezeichnete? - Sicher. Läuft zugleich permanent unterschwelliger Rassismus ab?- Aber, hallo! Und zwar auf allen Kanälen und von allen Seiten. Da schenken sich Deutsche und Migranten oder deren Nachkommen herzlich wenig. Mein persönlicher Favorit ist folgender Satz: "Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber..."
Und mit dem schließe ich auch - seht ihn als Denkanstoß!

Dienstag, 31. August 2010

"Was ich schon immer mal sagen wollte" II - aus aktuellem Anlass: "Avatar(sch) - Aufbruch nach Schlumpfhausen"

Bei Facebook las ich gerade eine Werbung am Rand: "AVATAR wieder im Kino" - mein erster Gedanke war: "Bitte NICHT!" und dann steht da: "Kehre am 2. September zurück nach Pandora und erlebe zusätzlich 8 Minuten noch nie gesehener Szenen. Nur für kurze Zeit exklusiv in 3D" Also, erstmal bringt man nicht an Tolkiens Todestag diesen Käse zurück. Dann sind acht Minuten zusätzlicher Szenen in diesem auf über drei Stunden ausgewalzten Rumgehopse genmanipulierter Riesenschlümpfe etwa so, wie wenn Reiner Calmund 2g zunimmt. Und "kurze Zeit" und Avatar in einem Atemzug zu nennen, kann nur ein schlechter Witz sein. Wie lange war dieses Machwerk beim letzten Mal im Kino? Ist eigentlich auch egal. Aber da dieses Ding nur deswegen mit weiteren aus dem PC gezauberten acht Minuten wieder Kinosäle blockiert, damit James Cameron sich noch ein neues Ferienhaus zulegen kann, wage ich ohnehin zu bezweifeln, dass die unter "kurz" dasselbe verstehen wie ich. Bitte, bitte verschont mich endlich mit diesem seelenlosen Schund! Ich begreife nicht, wie sich Leute über die Prequel-Trilogie bei "Star Wars" oder "The Matrix Revolutions" aufregen können und dann dieses zusamengeschusterte Machwerk in die höchsten Höhen des Film-Olymp loben können. Die Story ist eine einzige Patchworkarbeit, die nicht einmal dazu steht, eine zu sein. Andere Filmemacher sind wenigstens so ehrlich und geben zu, was sie inspriert hat und huldigen den Vorbildern oft sogar noch, schaffen es aber gleichzeitig aus der Vielzahl an Versatzstücken etwas Neues zu kreieren. Bei James Cameron hab ich hingegen den Eindruck, der ist der Originalität mal auf der Straße begegnet und sie hat ihm kurz zugewunken, doch James dachte: "Die kenn ich nicht!" und hat ihr eine gescheuert. Ich will ja nicht einmal behaupten, der Film wäre absoluter Schrott, aber gemessen an dem Hype, der um ihn entstanden ist, ist er einfach nur arm. Das ist nicht wie bei anderen Filmen, die so in den Himmel gelobt wurden, dass sie die erzeugten Erwartungen unmöglich hätten erfüllen können. Nein, der Film ist einfach nichts besonderes und hat genau deshalb meine Erwartungen sogar vollends erfüllt, denn von James Cameron erwarte ich nichts anderes als seelenlosen Main-Stream-Murks ohne Ecken und Kanten. Ganz abgesehen davon könnte aus dem Stand 108 Filme benennen, die es eher wert wären, im Kino wiederaufgeführt zu werden. Also: Was zur Hölle soll das? Der Schinken lief fast ein Jahr im Kino und jetzt schon wieder?

Sonntag, 22. August 2010

"Was ich schon immer mal sagen wollte" I - das Deutsche Wikipedia und die Frage nach dem Stellenwert von Kunst und Kultur

Es gibt so Sachen rund um Film und Fernsehen, die mich immer wieder aufs Neue ärgern und irgendwie scheint mir so ein Blog dann doch eine gute Möglichkeit, diesem Ärger mal Luft zu machen. Keine Sorge, es wird keine Meckerorgie und ich will auch niemanden angreifen, beleidigen oder kränken (anders als ein gewisser Literaturkritiker meine ich das auch so, wenn ich es sage). Es geht mehr darum einen Standpunkt öffentlich auszusprechen, wo der Dialog entweder gar nicht möglich oder gescheitert ist bzw. schon im Vorfeld mehr als chancenlos erschien. Vor allem interessiert mich auch, ob da nun wieder meine subjektive Wahrnehmung gestört ist - wie mir ja unentwegt bescheinigt wird^^ - oder ob es anderen ähnlich geht.
Die Überschrift verrät es schon: in dieser ersten Ausgabe geht es um die Rolle von Kunst und Kultur (und Filme gehören zweifelsohne zu beidem) in unserer Gesellschaft - vor allem am Fallbeispiel der deutschsprachigen Wikipedia. Ich will jetzt nicht das Für und Wider dieser Seite als Ganzes durchkauen, denn das haben andere schon zur Genüge gemacht. Es geht grundlegend mehr um etwas, das mir bei vielen Seiten dieser Größenordnung immer wieder unangenehm auffällt und ich bei Wikipedia beim Themenkomplex "Kunst und Kultur" am eigenen Leib erfahren habe.
Es ist nichts Neues, dass sich im Netz viele Idioten rumtreiben, die spammen, andere grundlos bzw. aus purer Langeweile beleidigen oder anderen Blödsinn fabrizieren. Es ist auch nichts Neues, dass man auf vielen Seiten entweder dazu übergangen ist, dieses Treiben einfach zu ignorieren (von YouTube erhielt ich mal auf den Hinweis, ein User würde querbeet Leute beleidigen - und da waren echt heftige Sachen drunter - einfach die Antwort, ich wäre selbst schuld, weil ich nicht alles unternommen hätte, um das zu unterbinden, schließlich hätte ich den Benutzer "bannen"/"ignorieren" können) oder jedem die Hölle heiß zu machen, der nicht mit den Wünschen der Admins und Mods konform geht - geben die Forenregeln nicht genug her, um die entsprechende Person gerechtfertig loszuwerden, ekelt man sie gemeinschaftlich raus - hier will ich jetzt nicht sagen, auf welchen Seiten ich das erlebt habe, denn eine davon besuchen einige von euch gewiss auch des Öfteren und ich habe keine Lust mehr auf digitale Kleinkriege.
Kommen wir zu Wikipedia. Ich muss mich hier irgendwie immer wieder über den dortigen Umgang mit Kulturgütern wundern. Gibst du beim deutschen Wikipedia etwa einen mathematischen Fachbegriff ein, bekommst du einen Artikel vorgesetzt, wo du schon die Einleitung ohne Doktor in höherer Mathematik nicht kapierst. Und jetzt gib mal einen Filmtitel ein. Jeder, der das schonmal gemacht hat, weiß, was er für gewöhnlich vorgesetzt bekommt: Die Texte sind oft ähnlich informativ wie die Zusammenfassungen auf der DVD-Rückseite. Suchst du gar Infos zu einer Figur aus Literatur und Film, wirst du in 90% der Fälle nicht fündig. Im englischen Wikipedia erhältst du einen ausführlichen Artikel. Grund dafür ist nicht, dass es keine Menschen mit Deutsch als Muttersprache gäbe, die gerne bereit wären, diese Artikel zu schreiben. Nein, die Gründe sind ganz andere. Beginnen wir mal mit diesem Grundsatz von Wikipedia Deutschland:
4. Wikipedia ist kein Ort für Essays und kein Ort für Fan-Seiten, weder von realen noch von fiktiven Gegenständen. Artikel sollten sachlich, objektiv und in enzyklopädischem Stil geschrieben sein. Die Wiedergabe von Handlungsverläufen (Literatur, Filme, Computerspiele) sollte stark zusammenfassend und versachlicht erfolgen. Spoilerwarnungen sind grundsätzlich nicht erwünscht.
Okay, keine Spoiler-Warnungen - darüber lässt sich sicher bis zum St. Nimmerleinstag streiten. Der enzyklopädische Stil versteht sich von selbst und das schließt eine Versachlichung mit ein. Aber jetzt mal die Frage: Liebes Wikipedia, warum bekomme ich bei bestimmten Themenkomplexen Artikel, die so umfangreich sind, dass man als Laie binnen kürzester Zeit die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, während bei Film und Literatur eine ausführliche Erläuterung sogar unerwünscht ist. Bleiben wir beim Beispiel Mathematik: ich hatte eine Eins in meinem Mathe-Abi (bin in dem Gebiet also nicht völlig begriffsstutzig), aber von den meisten Artikeln bei Wikipedia versteh ich kein Wort. Okay, jetzt werden einige sagen, dass Filme vielleicht nicht so wichtig sind in einer Enzyklopädie und es sicher Quellen gibt, die sich mehr darauf spezialisiert haben. Die gibt es bei Essen und Trinken auch (man nennt diese Quellen Kochbücher), aber dennoch werde ich bei Wikipedia über Arme Ritter ausführlicher informiert als über "The Devil's Backbone". Bei Spaghetti gibt es sogar für jede Soße noch einen eigenen Artikel: aglio e olio, carbonara, gricia, napoletana, puttanesca, vongole und bei Bolognese bekommt die Soße sogar noch eine Extra-Seite nur für sich alleine.
Vor einigen Jahren, als ich diese Grundsätze noch nicht kannte, stieß ich auf diese Seite. Ich verglich sie mit dem englischen Gegenstück, in dem es damals noch eine verkürzte Variante dieser Liste gab, und dachte: "Oh, da müsste man aber mal was machen. Clovie fehlt im deutschen Wikipedia" Langer Rede kurzer Sinn: Einen Tag später war ich um die Erfahrung reicher, dass die deutsche Wikipedia Artikel zu "fiktiven" Inhalten als Fan-Müll (die genaue Wortwahl ist mir entfallen und ich find's einfach nicht wieder, da es wohl endgültig gelöscht wurde) abtut und löscht. Der Grund ist, dass diese Dinge nicht "real" sind und folglich in einer freien Enzyklopädie nichts zu suchen hätten. Wer sich für die Details und genauen Wortlaute interessiert, kann das gerne hier alles nochmal nachlesen. Und wenn ich dann so diese Begründungen und Diskussionen lese, die da geführt werden, drängen sich mir so ein paar Fragen auf, die auch auf einen viel allgemeineren Kontext zutreffen. Eine Diskussion über die Thematik mit Wikipedia selbst scheitert schon im Ansatz und die Debatte, die es darüber dann wohl mal gab, endet dann doch darin, dass die sehr aktiven "Sturrköpfe" den Rest überstimmen - zumal, die meisten die für eine Änderung gewesen wären, es schon längst drangegeben haben und von diesen Diskussionen meist gar nichts mitbekommen. Die von mir geforderte Löschung meines Accounts wurde übrigens verweigert, da dies bei der Software nicht möglich sei. Aber nun zu den Gedanken, die ich mir infolge dessen gemacht habe:
Warum wird "Fanzine" überhaupt als Gegensatz zu einer Enzyklopädie aufgefasst? Hier wird nämlich bereits eine Wertung vorgenommen, dass eine Information über einen fiktiven Inhalt weniger wert ist, als die über einen realen. Natürlich ist es wichtiger, was Barack Obama macht als das, was Darth Sidious veranstaltet - keine Frage. Aber: Eine Enzyklopädie sollte doch ein Nachschlagewerk sein, bei dem ich ja vorher vielleicht nicht einmal weiß, ob ich nun einen fiktiven Inhalt suche. Ganz abgesehen davon, dass die Administratoren bei Wikipedia auch wissen, ob ein Inhalt "relevant" ist, was dann der Fall ist, wenn er bekannt ist. Sorry, aber über etwas, das eh' jeder zweite weiß, brauch ich auch keine Artikel mehr schreiben. Nur scheinen einige Leute bei Wikipedia immer nur an die Autoren zu denken, die ihr Fan-Fachwissen breittreten wollen. Das geht meiner Ansicht nach von der Annahme einer recht narzisstischen Neigung bei den Autoren aus. Keine Ahnung, ob da einige Leutchen, die für Wikipedia schreiben, von sich auf andere schließen (ich hoffe mal stark, dass dem nicht so ist), aber ich benutze Wikipedia, um etwas nachzugucken und nicht um mich mit meinem Wissen zu profilieren - wenn überhaupt will man ja anderen die Möglichkeit geben, ihrerseits nachzusehen. Gleichzeitig zeigt sich aber für mich daran etwas ganz anderes, das sich keineswegs auf Wikipedia beschränkt und was ich auch als etwas typisch Deutsches empfinde: eine Geringschätzung gegenüber Kunst und Kultur jedweder Art. Selbst unter den Fachleuten dieser Bereiche tummeln sich bornierte Miesmacher, die alles außer Goethe und Shakespeare als unter ihrer Würde ansehen. Beim Fernsehen wollen einem viele Menschen auch immer wieder weiß machen, die öffentlich-rechtlichen Sender seien qualitativ so viel besser als die Privaten... aber das ist wohl ein Thema für die nächste Ausgabe. Wirklich interessant ist die Frage: Wie kann sich ein recht kleiner elitärer Kreis anmaßen zu entscheiden, was wichtig ist und was nicht? Shakespeare hat seine Stücke doch nicht geschrieben, damit sich noch Jahrhunderte später Sprachwissenschaftler darüber auslassen können. Der Mann wollte unterhalten! Heute sind wir schon so weit, dass künstlerisch wertvolle Werke und gute Unterhaltung als Gegensätze aufgefasst werden. Man generiert künstlich eine Kluft zwischen Bildungselite und dem Rest. Da gibt es diese schöne Anekdote, dass Michael Herbig, als er sich an der Filmhochschule bewarb, einen Fragebogen ausfüllen musste und auf die Frage nach den Lieblingsregisseuren "Spielberg" und "Hitchcock" nannte. Er sah dann zu einem Sitznachbar und der schrieb "Fellini" oder "Bertolucci" oder so(da will ich mich jetzt nicht festlegen). Später sagte Herbig mal, in dem Moment sei ihm klar geworden, dass er da nichts zu suchen hatte. Dustin Hoffman und Gene Hackman wurde in ihrer Schauspielklasse bescheinigt, sie würden es nie zu etwas bringen und Kevin Williamson wurde von seiner Lehrerin attestiert, er könne nicht schreiben. Die Stories um die Studiosuche bei "Star Wars" will ich gar nicht erst wieder rauskramen. Der entscheidende Punkt ist: Das Publikum entschied anders.
Gleichzeitig zeigt sich heute wieder an einem besonders traurigen Beispiel, wie wenig Kunst, die nicht nur unterhalten oder künstlerisch wertvoll sein, sondern etwas bewegen will, wert ist. Diese Kunst, die zumindest noch den Versuch wagt, die Menschen irgendwie zum Umdenken zu bringen oder sie auf Missstände zu stoßen, ist letztlich die wichtigste Form der Kunst. Im Fall von Christoph Schlingensief war diese Kunst - wie er selbst immer wieder betonte - sogar "real" (da das Reale Wikipedia so wichtig ist, gibt es wohl auch für kaum eines seiner Projekte eine eigene Seite). Und jetzt gucken wir mal in unsere Medien: Wenn Jürgen Klinsmann als Bundestrainer zurücktritt, gibt es einen ARD-Brennpunkt. Stirbt Christoph Schlingensief opfert das ZDF ganze 55 Minuten wertvolle Sendezeit - um 1.15 Uhr in der Nacht! Und da kann ich nur sagen: Hier haben einige Programmplaner doch wirklich den Schuss nicht gehört. Oder sind wir nun wirklich soweit gekommen? Der Tod eines wirklich bedeutenden Künstlers ist unwichtiger als der Rücktritt eines Fußballtrainers?
Genauso wenig hat ein Medium, das sich als objektiv oder frei bezeichnet, mir zu sagen, worüber ich mich zu informieren habe. Man denke an die strikte Ignoranz unserer Sender bei der Wahl zum Bundestagspräsidenten: es gab vier Kandidaten und nur über drei wurde berichtet. Da stellt sich doch die Frage: Hat ein öffentlich-rechtlicher Sender in einem (zumindest offiziell) demokratischen Land das Recht zu entscheiden, welche Parteien oder Personen es wert sind, Teil ihrer Berichterstattung zu sein? Oder haben sie nicht vielmehr die verdammte Pflicht, uns als mündigen Bürgern die Möglichkeit zu geben, uns selbst ein Bild zu machen?
Und bei unserem Ausgangsthema? Die Frage ist doch: Schadet es einer Seite wie Wikipedia, wenn sie Informationen zu fiktiven Inhalten ebenso bereitstellt wie die zu realen? Wer das als Fan-Trash ansieht, muss es ja nicht lesen. Ich will nicht, dass mir einer meine Informationen vorfiltert! Das Tolle ist ja, dass im Zweifelsfall damit argumentiert wird, man habe nicht ausreichend Quellen angegeben... ?! Auch hier eine Frage an die lieben Administratoren von Wikipedia, die sicher keinen leichten Job haben und sich mit viel Müll abplagen müssen, wodurch es nur menschlich ist, dass man irgendwann allzu leichtfertig den rotstift ansetzt, was ich gewiss nicht bestreiten will: Wie viele Bücher muss man eurer Meinung nach lesen, um über den Inhalt eines Buches Auskunft zu geben? Und wozu soll man dann bitte zusätzliche Sekundärquellen angeben? Das gebietet doch der gesunde Menschenverstand, dass ich als Quelle für einen Artikel über "Watchmen" dieses Buch als Quelle heranziehe und zwar als einzige Quelle, wenn ich über den Inhalt schreibe. Oder etwa nicht?
Wobei das eigentliche Ärgernis für mich ganz woanders liegt: Ich wage zu bezweifeln, dass ich der einzige bin, der nach so einer Abfuhr, wie ich sie damals erhalten habe, keinen Bock mehr hatte nochmal was für Wikipedia zu schreiben. So vergrault man sich Autoren. Doch in puncto User Vergraulen sind andere Seiten zugegeben viel besser, denn die vergessen ab einem gewissen Zulauf gerne, was eine solche Plattform ohne User wäre: Nichts. Das kann man von Wikipedia in der Tat nicht behaupten.
Administrator kommt von administrare und das ist lateinisch für "verwalten" - hab ich übrigens bei Wikipedia nachgeschlagen. Das Problem ist aber: vergraule ich Leute, die sinnvolle Sachen zu Themen wie Film und Literatur hätten beitragen können, passiert das, was mir just heute (deshalb überhaupt der Artikel) wieder aufgefallen ist: Zu vielen Schlagwörtern aus diesem Themenkomplex findet man überhaupt nichts, weil vermutlich keiner Lust hat, Zeit in einen Artikel zu stecken, der, wenn er nicht gleich perfekt ist und den Wikipediaanforderungen genügt, so schnell gelöscht wird, dass man nicht mal mehr die Gelegenheit hätte, ihn auszupfeilen - so erging es mir jedenfalls. Und bevor ich jetzt den Zorn der Wikipedia-Community auf mich ziehe: Diese Hypothese würde ich nicht in den Raum stellen, hätte ich das mit dem raschen Löschen nicht am eigenen Leib erlebt. Und ich würde mich nicht darüber aufregen, wenn ich Wikipedia nicht im Grunde für eine wichtige und sinnvolle Seite hielte. Ganz im Gegenteil: ich finde es einfach unheimlich schade und ärgerlich, dass ich, sobald es um Kunst, Literatur, Film oder Fernsehen geht, im deutschen Wikipedia selten was Gescheites finde. Das gilt aber letztlich für alle Internetseiten und Rundfunksender (TV oder Radio): Ich verschwende keine konstruktive Kritik an eine "mediale Einrichtung", die ich nicht eigentlich schätzen würde - das wäre pure Zeitverschwendung!
"Ich haben fertig" ;-)